Die Geschichte eines furchtbaren Misserfolges, extremen Wetters und wie man daraus einen großartigen Tag macht
Unser freundlicher Busfahrer hatte uns am Vortag erzählt, dass wir gut geplant haben. Dass für den Nachmittag ein furchtbarer Sturm am Nordkapp vorhergesagt sei, für den nächsten Tag aber bestes Wetter. Gut, dass wir erst morgen zum Nordkapp wollten!
Der Ausdruck der Wettervorhersage im Hostel versprach das gute Wetter ab mittags.
Um uns für den großen Tag zu stärken, verbrachten wir über eine Stunde futternd am unglaublich guten norwegischen Frühstückbuffet. Im Gegensatz zu sonstigen Hotelbuffets fehlten da zwar die Rühreier und Baked Beans (oder auch, wie in Finnland üblich, heiße Hafer-/ Roggen-/ was auch immer für Getreidepampe), aber die Krabben! Mjam! Als dieser oder jeder Salat oder in Salzlake... Und dann die eingelegten Heringe in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Baconkäse, Krabbenkäse und Kaviar aus der Tube. Ein norwegischer Käse, den ich bereits einmal als Mitbringsel probieren durfte, bei dem man sich nicht ganz sicher sein kann, ob er nicht vielleicht doch eher Karamell als Käse ist... Dazu natürlich auch noch die ganze Palette "normaler" Frühstücksleckereien. Kurzum, wir konnten viel probieren, was wir im Supermarkt wahrscheinlich nicht gekauft hätten. Und welche Vorfreude, morgen würden wir das alles ja noch mal essen dürfen!
Irgendwann ist aber unweigerlich der Punkt erreicht, wo man (vorerst) gut gesättigt ist. Und unser heutiges Projekt brauchte ja auch seine Zeit. Immerhin waren es noch ca. 32 km bis zum Nordkapp. Ohne Gepäck sollten 64 km zwar ganz locker an einem Tag zu schaffen sein, aber hetzen wollten wir ja auch nicht, also machten wir uns schon etwa eine Stunde vor dem versprochenen guten Wetter auf den Weg.
Dementsprechend peitschte uns bereits beim Verlassen des Hotels ein ungemütlich feuchter Schleier ins Gesicht. Gutes Wetter? Bald, hoffentlich ganz bald!
Erst mal sah es aber noch nicht so aus. Mit kräftigem Gegenwind ging es auf die Straße und nach vielleicht zwei Kilometern war er so stark, dass trotz ebenen Geländes Laufen oder Fahren kaum einen Unterschied machte. Und es wurde nasser.
Erster Stopp, um doch Regenhose und "Plastikzwerg" anzuziehen.
Zweiter Stopp, um den Plastikzwerg wieder loszuwerden, der erstens drohte, kaputt zu gehen und zweitens als Segel in die falsche Richtung fungierte und obendrein einfach nur schweinisch laut war.
Kaum waren wir um die eine Bucht herum und bekamen Rückenwind, schossen wir die nun folgende 10%-Steigung mit fast doppelter Geschwindigkeit wie zuvor auf ebenem Grund empor. Ein Hoffnungsschimmer, dass wir es doch noch in weniger als 5 Stunden zum Kap schaffen! :)
Leider ist die Strecke ziemlich kurvenreich und schon bald blies es wieder von vorne. Hinzu kam nun die erste langfristige Steigung. Tja, das Nordkapp liegt nun mal ca. 300 m über dem Meeresspiegel, das wussten wir ja... Schieben. Zumindest bis hinter die nächste Kurve.
Aber der Wind kam weiter von vorne. Jori fragte, ob wir einfach umdrehen und den Bus nehmen sollten. - Was, war das sein Ernst? Aufgeben? Wo wir doch schon ein Viertel der Strecke gemeistert hatten? Oder war das nur so dahergesagt? Weil's bequemer wäre? Das bestimmt, aber so leicht gebe ich nicht auf! Ich wollte mit dem Fahrrad zum Nordkapp, nicht bloß in seine Nähe!
Im Notfall könnten wir ja immer noch den Bus für den Rückweg benutzen.
An einem kleinen See peitschte der Sturm bereits meterhohe, weiße Wellen über seine Staumauer. Wir mussten zugeben, je höher wir kamen, desto stärker wurde der Wind. Das Wort "Wind" klang bereits etwas untertrieben für die aktuelle Situation.
Mit jeder Kurve hoffte ich darauf, dass die Richtung der Straße sich endlich grundlegend änderte, aber das einzige, was sich mit zunehmender Höhe änderte, war die Windstärke. Zum Schlechteren.
Nach knapp einem Drittel der Strecke war es so weit, die schützenden Felsen an der Hangseite wichen offenem Gelände und ich brauchte schon all meine Kraft, dass ich plus Fahrrad auch nur stehen bleibe und nicht gleich auf der Stelle umgeweht werde, Füße voreinander setzen war schon eine Herausforderung. Ungelogen, ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen Sturm erlebt zu haben. Als ich einmal stehen blieb, um doch noch ein Foto zu machen, warf mich eine Windböe tatsächlich um - zum Glück nur vor eine Leitplanke. In meinem Kopf formte sich ein ernsthafter Gedanke ans Aufgeben, auch wenn ich das als großen persönlichen Misserfolg verbuchen müsste.
Tomas half uns schließlich mit dieser Entscheidung. Ein durchtrainierter Radfahrer auf einem wirklich guten Rad, das wir bereits in unserem Hostel stehen gesehen hatten, kam uns nämlich an dieser Stelle entgegen. (Zum Thema durchtrainiert, er hatte 500 km in einem Drittel unserer Zeit zurückgelegt!) Und besagter Tomas gab auf. Kehrte um. Sagte, der Wind würde weiter oben nur noch schlimmer. Da war mir klar, dass wenn er es nicht schafft, wir erst recht nicht. Das beruhigte mich. Nach kurzem Gespräch verabredeten wir uns, uns unten im Hostel wiederzutreffen und machten uns auf den Bergabweg. Auch das noch unter Schieben, weil uns die Seitenwinde zu gefährlich zum Aufsteigen waren. Tomas düste davon.
Als wir wieder niedrigere, weniger stürmische Gefilde erreichten, stiegen auch wir auf. Plötzlich machte die ganze Geschichte unglaublichen Spaß! Jori bemerkte voller Begeisterung, wie oft man denn wohl in den Genuss käme, im 45°-Winkel zu radeln? Meiner Meinung ist 60°-Winkel zwar realistischer, aber dennoch! Eine witzige Erfahrung! Gut, dass nicht viele Autos kamen, denn daran, die Spur zu halten, war auch hier noch nicht zu denken.
Und so radelten wir im 45-60°-Winkel viel schneller nach Honningsvåg zurück, als wir hergekommen waren und hatten eine Menge zu lachen, obwohl wir das Nordkapp immer noch nicht gesehen hatten.
Im Hostel erfüllte es uns mit höchster Verwunderung, dass Tomas noch nicht angekommen war. Er würde doch wohl nicht über eine Klippe geweht worden sein...? Aber er war doch größer und schwerer als wir!?
Später stellte sich heraus, dass er nicht einmal mehr die ganze Strecke geradelt war, sondern sich für den Rest des Weges ein Taxi genommen hatte. Und genau das hatte er noch mal vor, um zum Nordkapp zu gelangen, denn für ihn war es heute oder nie. Straffer Zeitplan.
Wenn man sich ein Taxi zu viert teilt, kostet es gerade mal 2 Euro mehr als der Bus. Mit der frisch angereisten Isabel erfüllten wir dieses Kriterium und waren schon bald zum zweiten Mal auf dem nun viel bequemeren (und teureren) Weg nach Norden. Aber nicht nur das, auch viel lustiger war es in der kleinen Gruppe!
Die Strecke zog sich wirklich. Ich war nun wirklich froh, es erst gar nicht weiter versucht zu haben. Der Sturm schien eher noch schlimmer als besser zu werden.
Und dann waren wir da. Es bot sich uns diese "grandiose" Aussicht:
Aber, mal ehrlich, bei normalem Wetter kann doch jeder. Mitten im Sommer einen Tag zu finden, an dem man die gesamte Globusplattform für sich allein hat, das ist die wahre Kunst! :D
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Man bewegte sich auf ziemlich lustige Art und Weise mit den Windböen voran. Ab und zu auch hier und zu Fuß im fast 45°-Winkel. Es mag unglaublich klingen, aber wir hatten einfach irre Spaß!
Damit ihr noch ein wenig daran teilhaben könnt, habe ich euch diesen kleinen Gruß aufgezeichnet:
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Am Vortag hatten wir noch überlegt, die Wanderung zum "echten Nordkapp" eventuell doch zu machen. Die Freiheit, die einem das Fahrrad ermöglicht: Einfach irgendwo anhalten. Und die Sonne - unendlich lange Tage, egal wie lange es dauert. Und dann sagen zu können, wirklich da gewesen zu sein. Ohne touristische Mogelpackung.
Ihr werdet verstehen, dass dieser Ausflug unter den gegebenen Umständen letztendlich flach fiel. Auch der touristisch erschlossene Ort hat seinen Reiz und seine klaren Vorteile. ;)
Zur Feier des Tages gingen wir anschließend mit unseren neuen Freunden in Honningsvåg edel essen. Wir belohnten uns mit zwei verschieden Gerichten Königskrabbe. Wenn schon, denn schon. Und teuer war heute eh schon, da kommt's darauf nun auch nicht mehr an. Sehr lecker!
Wer hätte es gedacht, am Abend besserte sich das Wetter wirklich. Nur ein paar Stunden zu spät.
Am nächsten Morgen alles wie weggeblasen, die Sonne schien und bloß ein kleines, friedliches Lüftchen wehte uns um die Nasen.
Wir sind uns aber sicher, dass die Stadt öfter mit Stürmen zu tun hat. Wie wir darauf kommen? Nun, man muss nur ein wenig seine Umgebung beobachten und die richtigen Schlüsse ziehen...
| sicher geparkt |
P.S.: Aus reiner Neugierde durchsuchten wir das Internet nach Wetterberichten. Leider fanden wir keinen einzigen für das Nordkapp selbst, aber wenigstens einen für einen Ort im Tal unweit des von uns geradelten Teils (da, wo es im Gegensatz zu oben noch relativ harmlos war): 58 km/h. Bleibt nur zu spekulieren, wieviel oben nun wirklich herrschte...


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