Wenn das für euch früher als erwartet ist, macht nix - für mich auch! ;)
Aber keine Sorge, es ist nichts passiert, wir hatten eine tolle Zeit und sowohl wir als auch unsere Räder sind gesund und munter.
Ein bisschen traurig bin ich schon, dass es schon vorbei ist, aber so kann ich wenigstens wieder in aller Ruhe hier ankommen.
Ein voller Tag ist bereits für die Reisenachbereitungen draufgegangen - nicht zuletzt, weil es verdammt lange dauert, bis der Dreck von über tausend Kilometern das Fahrrad wieder verlässt und ebenfalls ziemlich lange, bis seine Reste auch das Badezimmer wieder verlassen haben... ;)
Aber davon wollt ihr jetzt nicht hören, oder? Ihr wollt wissen, wie es unterwegs war, deshalb seid ihr hier, nicht wahr? Also beginnen wir die Geschichte mit dem Hinweg - unserer Tour von Oulu bis in die Nordkappstadt Honningsvåg:
Es ist Sonntag, der 3. Juli. Unsere Räder sind fertig, es kann losgehen. Zu den gewöhnlichen sechszehneinhalb Kilos des Fahrrads gesellen sich weitere etwa zwanzig (genaues Gewicht schwankend in Abhängigkeit des Wasserfüllstandes und der Essenszuladung) an Gepäck. Ungewohnt!
Immer wieder wird geraten, das Fahren hiermit erst mal zu üben, bevor es auf große Fahrt geht. Aber mal ehrlich, wo übt es sich besser, im Stadtverkehr oder auf einer wenig befahrenen Landstraße? Habe mich also ganz bewusst dagegen entschieden und mache erst jetzt meine ersten Fahrversuche. Klappt, fühlt sich aber trotzdem etwas seltsam an. Aber heute müssen wir ja zum Glück noch nicht weit. Unser erstes Etappenziel ist das Mökki von Joris Vater, und der hat ein großes Auto.
Was vernünftig klingt, zeigt nach
| Die Farben Lapplands am See |
Aber jetzt genießen wir erst mal das Mökkileben.
Am nächsten Tag kann ich es kaum noch abwarten, "wirklich" los zu kommen. Seit Wochen schon sah der Plan vor, dass wir spätestens am Montag richtig starten!
Aber das versprochene Unwetter ist noch nicht aufgetaucht und soll nun stattdessen heute kommen. Jori macht sowieso den starken Eindruck, dass er unbedingt noch einen weiteren Tag am Mökki bleiben will. Mit dem Regen im Hinterkopf ergebe ich mich schließlich in einen zweiten "typisch finnischen" Abend. Mit permanentem Fernsehhintergrundgeräusch - ermöglicht durch Photovoltaik und Windkraft. Warum nur, frage ich mich, fährt man an einem Ort, wo eeendlich Ruhe herrscht nach dem Lärm der Stadt, um sich dann dort von einer Geräuschkulisse zu umgeben? Aber vielleicht habe ich auch einfach nur ein gestörtes Verhältnis zu Fernsehgeräten. Besonders dann, wenn sie einfach an sind, ohne dass jemand wirklich etwas kuckt...
Die holzbeheizte Sauna rettet den Tag für mich aber doch noch.
Und endlich wurde es Dienstag. Joris Vater setzte uns in Kemijärvi ab, wo wir mit Hilfe einer Gießkanne versuchten, das bis auf ein paar Tropfen nicht stattgefundene Unwetter zu ersetzen und eine grooße Pfütze hinterließen. (Reflektoren: prima. Kette: knirscht trotzdem.)
Von Kemijärvi setzten wir unsere Reise zunächst mit dem Bus fort. (Ihr fragt euch sicher langsam, ob wir überhaupt mal geradelt sind. Ja, sind wir. Der Teil kommt noch. :P)
Die Straße nach Sodankylä sieht auf der ganzen Länge nahezu gleich aus, das wollten wir uns für ein paar Euros ersparen und außerdem finde ich, dass man für eine solche Tour einen würdigen Anfangspunkt braucht. Was könnte da besser passen als die historische Holzkirche von Sodankylä? Zum einen die erste Sehenswürdigkeit auf unserem Weg, zum anderen ein guter Ort, um für eine sichere Reise zu beten.
Als wir von dort aufbrechen, ist es schon fortgeschrittener Nachmittag.
| Freude am Radeln |
Unser erstes Nachtlager ergibt sich mehr durch Hunger als durch Schlafbedürfnis. Wir finden eine schöne Wiese am Fluss, sogar mit Abfallsammelstelle. Wenn da nicht die Mücken wären... Ohne Mückenhut geht gar nichts, was das Essen etwas aufwändiger gestaltet. (Das Pinkelngehen -besonders als Frau- auch.) :/
Wenigstens ist unser Zelt mückendicht und die paar, die sich beim Rein- und Rausgehen einschleichen, kriegt man gerade noch gejagt.
Aber wir haben Glück. Am nächsten Morgen noch mal im strahlenden Sonnenschein fünf Mückenstiche am Hintern eingesammelt und die nächste Etappe in Angriff genommen.
Das Schöne in finnisch Lappland ist, dass es immer wieder kleine Straßenrandcafés für Touristen gibt. Einem Crèpe mit Moltebeeren zum Frühstück steht also nichts im Wege.
Langsam kommen zum Wald auch Hügel hinzu. Schööön, denkt sich da die Sauerländerin.
Dann überschreiten wir die Grenze ins Land der Sámi. Hier sind wir im südlichsten Samendorf Finnlands, Vuotso:
Aber Lappland hat noch mehr zu bieten als ein anderes Volk: Gold!
Man kennt es vielleicht eher aus Amerika, aber auch hier oben hat der Goldrausch zugeschlagen. Seit Jahrzehnten wird das Edelmetall professionell geschürft, aber auch Touristen können sich im Goldwaschen versuchen. So spannend wir das fanden, noch mehr schätzten wir das Goldgräberdorf Tankavaara, weil wir dort mal wieder an eine echte Dusche und Küche kamen und nebenbei ein paar Klamotten durchwaschen konnten.
| Fast wie im Wilden Westen... |
| Home sweet home |
Sonnenschein? Bis zum frühen Nachmittag. Da fallen die ersten Tropfen. Wir sehen ein Schild zum nächsten Café in 500 m und denken uns, das schaffen wir, da stellen wir uns unter! Falsch gedacht. Es dauert keine dreihundert Meter und wir sind klitschnass. Durch.
Wenn Jori nass wird, verschwindet seine sonst immerwährende Fröhlichkeit. Besonders mit nassen Füßen kann man ihn beinahe schlecht gelaunt erleben, etwas, das ansonsten wirklich niemals vorkommt! Wenn ich jetzt noch hinzufüge, dass er sich entschieden hat, auf diese Reise als einziges Paar Schuhe seine Stoffturnschuhe mitzunehmen, erklärt es sich wohl von selbst, dass diese Etappe trotz erst 30 zurückgelegter Kilometer im nahegelegenen Skiort Saariselkä ihr Ende findet.
Aber wie immer gelingt es uns, das Beste aus einem verpatzten Tag rauszuholen. Die Hotels locken mit für Finnland geradezu unverschämt günstigen Sommersonderangeboten, so dass wir unsere Sachen trocknen können und außerdem gibt es ein "Spa", in dem wir ganz freiwillig am Nachmittag schon wieder nass werden.
Der nächste Morgen sieht schon etwas besser, aber immer noch alles andere als freundlich aus. Es nieselt immer mal wieder und wir strampeln in unseren "Plastikzwergen" (Gruß an Katja!), auch bekannt als Notfallponchos, im Gegenwind die Hügel hinauf. Warum um alles in der Welt bläst es die gesamte Strecke über nach Süden? Ist das eine Großwetterlage? Eine Verschwörung gegen uns?
Trotzdem kommen wir voran. Und kommen gefühlt Sibirien ziemlich nahe.
Lange Zeit geht es an seinen Ufern entlang, wellenförmig bergauf und bergab. Es ist einfach friedlich und schööön (und ein bisschen anstrengend). Auch wenn ich mir "meinen" Inarisee irgendwie anders ausgemalt hatte. Irgendwie sonniger, goldener. So wie er tatsächlich, den Postkarten nach zu urteilen, aussehen könnte, wenn der Himmel denn wollte...
Aber man nimmt, was man bekommt.
So klein Inari auch ist, ein Arbeitskollege hatte mir das dortige Sámi-Museum wärmstens ans Herz gelegt, so besuchten wir es am nächsten Tag und verbrachten ungewöhnlich viel Zeit darin. Lohnende Ausstellung über die Region, sowohl ihre Kultur als auch Natur!
Wie ihr euch mit der Vorgeschichte jetzt sicher schon denken könnt, kommen wir spät los und prompt in den nächsten allabendlichen Regen. Langsam reicht's uns. Jeden Tag nass. Das kann doch gar nicht sein! Aber für morgen haben sie dann wirklich gutes Wetter vorhergesagt!
| Eins der vielen Café- und Souvenirgeschäfte, die einem die Fahrt selbst im Regen mit einem Pfannkuchen doch noch versüßen... |
Der nächste Morgen. Heute ist also der Tag mit dem endlich wieder schönen Wetter, so so.
Mal mehr Nebel, mal eher Regen und mal richtig Regen, von allem etwas, nur gewiss kein blauer Himmel. Vielleicht mal zwischendurch zehn, fünfzehn niederschlagsfreie Minuten. War das alles hier wirklich meine Idee?!? (Und leider muss ich mir selber antworten, natürlich war es deine Idee! Du wolltest es so! Ach verdammt.) Wer konnte aber auch wissen, dass auf die Wettervorhersage einfach kein Verlass ist? Schon seit Tagen schwindelt sie uns an und verspricht uns, morgen wird es besser, morgen ganz bestimmt!
Doch wenigstens kommt das Nordkapp mit jedem Tritt näher. Und heute machen wir trotz des Regens viele Tritte! Über 70 km kämpfen wir uns weiter vor - das Ziel: Karigasniemi, wo wir auf eine weitere Campinghütte hoffen. (Im Übrigen sind hier im Land der Sámi alle Ortsnamen zweisprachig ausgeschildert.)
Bevor wir in Karigasniemi ankommen, ist allerdings viel Arbeit zu leisten. Erzählten uns doch die Leute vom letzten Campingplatz, die Straße gehe SO (und malten dabei mit der Hand viele U s in die Luft). Ja, kein Problem, das kennen wir ja schon von der Straße nach Inari, denken wir uns.
Uuups, stellen wir dann fest. Das haben die wirklich ernst gemeint:
Pitschnass und völlig erledigt (wohl mehr psychisch als wegen der U-Straße) stehen wir schließlich an den Campinghütten in Karigasniemi vor einem Schon-seit-einer-Stunde-geschlossen-Schild.
Doch die superfreundliche Inhaberin muss uns sprechen gehört haben, schließt die Tür auf und bietet uns voller Mitleid nicht nur ihre letzte freie Hütte, sondern auch noch einen heißen Tee auf's Haus an. Ein Engel in der Not! Ab jetzt kann es wirklich nur noch besser werden!
Und es wurde. Noch am gleichen Abend sah ich einen Fuchs. Meinen ersten in freier Wildbahn! Das an sich war schon ein tolles Erlebnis und machte alles wieder gut.
Doch nicht nur das, dieses Mal hielt der Wetterbericht das schon seit Tagen abgegebene Versprechen, der nächste Morgen war wirklich wieder wunderbar!
Und so radelten wir hinunter nach Norwegen...
Die Landschaft wurde auch norwegischer - der Wald niedriger, die Berge höher. Zum ersten Mal taten sich absolute Weit- und Rundumblicke auf. Und nach schon vielen Hügeln endlich am Horizont auch Berge, die diesen Namen wirklich verdient hatten!
Norwegen ist so viel schöner als Finnland, dachte ich mir oft. Könnte aber auch alles am Wetter gelegen haben. Woran auch immer es lag, es war der bisher schönste Tag für mich. Wegen der Berge. Wegen der Sonne. Weil es mehr bergab als bergauf ging. Weil nette Leute uns gewunken haben. Einfach, weil's toll war.
Als die Landschaft so richtig spektakulär wurde, erreichten wir prompt eine Militärzone, wo Anhalten, Campen, Fotografieren und sonst noch so einiges strikt verboten war. Schade. Hier ein letztes Bild vor den geheimen zehn Kilometern:
Kurz dahinter sieht es aber immer noch toll aus. Auch unser Campingplätzchen liegt sagenhaft.
Das ist das Schöne in den nördlichen Ländern, ihr habt ja sicher schon davon gehört, das Jedermannsrecht. Wenn man sich an bestimmte Regeln hält, darf man quasi überall sein Zelt aufschlagen, so lange es nicht gerade im Vorgarten oder auf einem bewirtschafteten Feld ist. Auf einem Trip wie diesem unbezahlbar!
Nun gelangen wir über Lakselv zum Porsangerfjord. Endlich wirklich am Meer! Vor allen Dingen riecht es nach Meer - und damit nach Urlaub.
Einen weiteren Tag später in Olderfjord zweigt die Straße nach Alta und Hammerfest ab, wer hier nach Norden fährt, will nach Honningsvåg oder zum Nordkapp, den Fahrzeugen nach zu urteilen meist beides. Ich glaube, schon seit Sodankylä übersteigt die Anzahl der Wohnwagen und -mobile sowie Tourbusse jegliches andere Verkehrsmittel (ein nicht zu verachtender Anteil weist deutsche Nummernschilder auf).
Ein wenig misstrauisch beäugen wir die heutigen Wolken, aber noch hält es sich. Das Fahren macht einfach Spaß, zum allerersten Mal haben wir ab Olderfjord nämlich RÜCKENWIND! Wir fliegen nur so dahin und genießen Fjordblicke, ab und zu gesprenkelt mit kleinen bunten Holzhäuschen... Die meisten Fahrradfahrer, die wir sehen, sind eigentümlicher Weise Asiaten. Dass das Nordkapp bis dahin Berühmtheit hat!
Für Tierfreunde gibt es hier auch wieder genug zu sehen. Joris Rentiercounter, den er seit dem ersten Tag führt, macht fast keinen Sinn mehr, bei 200+ hört er auf zu zählen.
Und immer wieder beeindruckende Felsformationen und Blicke auf vorgelagerte Inseln. Ich glaube fast, der heutige Tag ist noch schöner als der vorhergehende.
Doch bei aller Freude am Radfahren, es kommt, wie es auch nach dem schönsten Tag kommen muss: Der Abendregen setzt ein. Also nicht lange gefackelt und mit den ersten Tropfen das erstbeste Plätzchen gewählt, bevor es wieder richtig anfängt zu schütten - gar nicht mal 'ne schlechte Aussicht für die Not der Stunde! :) Bisschen windig, aber mein Zelt kann das ab, das Material wurde schließlich für Segel entwickelt... setzen wir es mal dem Test aus! (Die gute Nebenwirkung: Keine einzige Mücke unterwegs!)
Von hier aus ist Honningsvåg leicht in einem Tag zu erreichen. Wie leicht, das stellen wir 15 km später kurz vorm Nordkapptunnel fest.
Das mit dem Tunnel ist ja so 'ne Sache. Man hört und liest so einiges... drauf gefreut habe ich mich nicht unbedingt. Schon am Vortag mussten wir durch einen 3 km langen Tunnel. Das war machbar, mit Lampen auch nicht allzu gefährlich, aber nicht unbedingt ein Platz zum Wohlfühlen für Fahrradfahrer. Und kalt dazu. Und der Nordkapptunnel nun über doppelt so lang und viel steiler, er muss ja unter den Meeresboden. Gerne hätte ich ihn noch gestern geschafft, spät abends, wenn nicht mehr viel Verkehr ist, doch da kam uns der Regen dazwischen...
Welche Verwunderung, als plötzlich ein Bus neben uns hält, die Tür öffnet und uns fragt, wo wir hinwollen! Der Fahrer bietet uns an, uns mitzunehmen und betont immer wieder, wie gefährlich die Tunnel doch sind. Er wäre gerade sowieso nach Honningsvåg unterwegs.
Kurz nachgedacht, das Gefühl beiseite geschoben, dass das doch Schummeln ist und ja gesagt. Schummeln hin oder her, macht es denn wirklich etwas aus, ob wir die paar Kilometer nun strampeln oder nicht? Sicherheit geht vor.
Eine gute Entscheidung. Wir wissen jetzt, warum der Nordkapptunnel so gefährlich ist. Wir sind glatt mit 120 Sachen durch - zumindest die erste Hälfte bis zum Grund. Erklärung des Busfahrers: Sorry, dass ich so schnell fahre, aber wenn ich hier bremsen würde, würden die Bremsen heißlaufen!
In der eigenen Spur blieb er auch nicht. Alles in allem kam mir selbst diese Fahrt nicht ganz ungefährlich vor - sicherer als da draußen zu sein aber allemal.
Wir fanden es sehr nett vom Fahrer, dass er uns mit Infos wie der Wettervorhersage und dem Tipp zum günstigsten Hostel am Ort versorgte. Und natürlich, dass er uns mitnahm. Später hörten wir, dass viele leer fahrende Busse das machen, es muss wohl schon öfter Unfälle gegeben haben und die Fahrer möchten sich nicht vorwerfen müssen, dass sie es hätten vermeiden können...
So, nun ist es sowohl im Reisebericht als auch im wirklichen Leben Zeit geworden, ins Bett zu gehen. Aber unser Besuch am Nordkapp am folgenden Tag ist sowieso ein Erlebnis für sich und verdient einen eigenen Artikel. Er folgt in Kürze...
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