Quasi mit ihrer Übersiedelung nach Finnland stand eine Einladung von Judith im Raume, sie zu besuchen. Natürlich wollte ich das auch, bisher passte es aber nie so richtig. In diesem Jahr wollte ich dann aber endlich doch „in den hohen Norden“. Leider konnte ich nicht im September Urlaub nehmen, sonst wären Judith und ich nach Lappland gefahren, um Nordlichter zu lauschen. (Vielleicht ein Projekt fürs nächste Jahr …) Der Juni passte schließlich, auch wenn es mit der Radtour zum Nordkap ein bisschen eng wurde. Judith schlug mir vor, mit ihr den Karhunkierros zu laufen. Seltsamerweise sagte ich ziemlich schnell zu, nachdem ich ein paar weitere Infos ergoogelt hatte. Denn meine Reaktion auf ihre Berichterstattung von besagter Schneeschuhwanderung war damals „oh je, das wäre nichts für mich! In Hütten ohne fließendes Wasser? Holz selber hacken? Nein, nein, mir wäre das viel zu spartanisch!“ All diese Vorbehalte hatte ich inzwischen wohl vergessen oder bin einfach generell experimentierfreudiger geworden. Als Camperin von Kindheit an bin ich zumindest eine gewisse Einfachheit gewöhnt. (Und mal ehrlich, man braucht nicht viel zum Reiseglück!) Letztlich dachte ich einfach, wenn nicht jetzt, wann dann?! Alleine werde ich sowas nicht machen! Und soviel kann ich vorab sagen: es war eine tolle Erfahrung, gerade weil ich mit meiner besten Freundin, die Erfahrung mit solchen Touren hat, unterwegs war!
Aber bevor wir uns diesen körperlichen (und in manchen Momenten auch psychischen) Strapazen aussetzten, hatten wir noch einen Abend und zwei Tage in Oulu. Nach meiner Ankunft am Abend kredenzte Judith mir das traditionelle Juhannus-Essen (am Feiertag selbst würden wir ja irgendwo im Nirgendwo unterwegs sein). Fisch ist eigentlich nicht so mein Ding, aber ich habe alles probiert und fand einiges durchaus lecker. Sehr amüsant fand ich das Dessert: Quietschekäse! Nach den lukullischen Genüssen hatten wir das Bedürfnis, uns zu bewegen und fuhren mit dem Rad zu einigen Lieblingsplätzen meiner Gastgeberin. Besonders der Platz der Freude hat auch mir gefallen.
Das Tückische an der Mitternachtssonne ist nur, dass man gar nicht merkt, wie spät es ist. Vor allem, wenn man am nächsten Tag wieder früh raus muss, um zu arbeiten. Ich fürchte, durch meinen Besuch habe ich ein ganz schön ordentliches Schlafdefizit bei Judith verursacht. :( Ist aber auch gemein, wenn es um halb eins nachts so aussieht, als wäre es erst neun Uhr abends!
An den beiden folgenden Tagen erkundete ich Oulu, während Judith arbeitete. Da die „Hauptstadt Nordskandinaviens“ jetzt nicht unbedingt der touristische Hotspot Finnlands ist, habe ich halt eher das Flair auf mich wirken lassen. Die Lage am Meer, wo die Wälder direkt bis ans Wasser reichen und die vielen kleinen Inseln machen aus Oulu ein nettes Kleinod. Ich denke, zum Leben und Arbeiten ist die Stadt hervorragend geeignet. Allein das stressfreie Radfahren über breite Fahrradwege und eigene Brücken trägt viel zum Wohlbefinden bei.
Markthalle mit Statue eines Marktpolizisten - am Tag vorher hatte er einen kleinen Blumenstrauß in die Hand gelegt bekommen!
Besonders gefallen hat mir der Marktplatz mit der Markthalle (ich liebe Markthallen!) und die Insel Pikisaari mit ihren alten Holzhäusern. Am zweiten Abend grillten wir am Meer, sehr gemütlich! (Hier durfte ich erste Bekanntschaft mit den Mücken machen. Aber das war noch harmlos …) Am dritten Tag haben Judith und ich dann noch die Gratis-Stadtführung mitgemacht, in der auch die inzwischen Einheimische noch Neues lernen konnte :D
Nun aber zum Karhunkierros!
Den Ablauf der Wanderung hat Judith ja schon bestens geschildert, ich picke mir nun einige Besonderheiten raus, zu denen ich etwas ergänzen oder meinen Eindruck schildern möchte.
Der Beginn hatte es ja bereits in sich, wir starteten um 15:40 Uhr und wollten 19 km schaffen. Wie gut, dass wir gleich merkten, dass wir das gleiche Tempo an den Tag legten, keiner von uns musste sich irgendwie anpassen oder einschränken. Aber man stelle sich unsere Überraschung vor, als wir am ersten „Kilometerbären“ vorbei kamen und feststellen mussten, dass der Trail 82 km lang ist – statt der in jeglicher digitaler und analoger Literatur angegebenen 80 km, auf denen die Routenplanung basierte! Irgendwo haben sich also zwei Schummelkilometer eingeschlichen. : |
Wasser, Steine, frisches grünes Laub ... solch ein Bild strahlt für mich heitere Gelassenheit aus.
Bereits nach kurzer Zeit zeigte „Lappland Air Force“ ihr Pflichtbewusstsein und umschwirrte uns, sobald wir mal eine kurze Rast einlegten. Kurzärmelig war also leider kein Dauerzustand. Dass wir die erste Hütte links liegen ließen, war nicht nur aus streckenplanerischer Sicht eine gute Entscheidung – die nächste gefiel mir von der Lage viel besser! Ich bin froh, dass ich mir vorher keine großen Gedanken um das Leben in und an der Hütte gemacht habe, so konnte ich alles auf mich zukommen lassen und feststellen, dass dort alles zu finden ist, was man braucht und alles total unkompliziert ist. Die erste Nacht habe ich gefühlt sehr wenig geschlafen, aber wie Judith schon schrieb, eine Eingewöhnungsnacht ist normal. Und irgendwie fand ich es einfach total schön, mit Zahnbürste oder zu spülender Lunchbox einfach zum Fluss oder See zu tapern!
Das war exakt meine Aussicht beim Zähneputzen. Jetzt mal ehrlich, ist das schön oder ist das schön?!
Am nächsten Tag änderte ich meine Taktik im Kampf gegen die Lappland Air Force, ich trug ein langärmeliges Shirt. Aber die Biester sind gefährliche Gegner – sie stechen durch Shirts und Hosen einfach hindurch! Aber nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, das Laufen sei ein ständiger Kampf gegen die Plagegeister gewesen! Nein, mit entsprechenden Schutzmaßnahmen ging es ganz gut. Es blieb immer noch genug Muße, die Landschaften zu genießen, wenn man mal weniger auf den Weg achten musste. Die Wurzeln und Steine auf den Wegen haben sich auch in meine Erinnerung eingebrannt. Und hier liegt letztlich die Krux – wir hatten nicht unbegrenzt Zeit und wir mussten auf die Wege achten, um nicht zu stürzen. Um zu schauen, wie die aktuelle Landschaft aussieht, musste ich schon stehenbleiben. Wenn man mehr Zeit hat, also kürzere Tagesetappen zu laufen hat, dann kann man sicherlich öfter mal einfach schauen oder an einem schönen Platz rasten, einfach weil es schön ist. Nicht nur, weil gerade die Füße nach einer Pause verlangen. :D
Besonders beeindruckt war ich von den Stromschnellen Kiutaköngäs! Diese unbändige Gewalt des Wassers, das sich tosend zwischen den roten Felsen seinen Weg bahnt! Wow! Auch Rhöni war völlig sprachlos! :) Kurz danach kamen die Aussichten, die ich mir zuhause ausgemalt hatte: Kiesstrände am Fluss, dahinter dichte Nadelwälder. Wunderschön! Dass es auch Blumenwiesen hier gibt, überraschte mich doch etwas :)
Wie im Kopf so in der Realität - traumhaft, vor allem mit dem endlosen blauen Himmel darüber!
Den Halbzeit-Kilometerbären haben wir wohl unterschiedlich erlebt – während Judith an dem Tag wirklich zu kämpfen hatte, hüpfte ich fast vor Freude und versuchte meine gute Laune in einen ansteckenden Virus zu verwandeln. Aber es kam auch noch genau anders herum … nicht jeder Tag ist gleich und man hat auch mal einen schlechten, that’s life! Außerdem mussten wir heute ja auch noch den ersten Schummelkilometer leisten.
Die Etappe am Fluss entlang war einerseits wunderschön, weil es sehr unterschiedliche Landschaften zu sehen gab. Aber diese Abwechslung brachte es eben auch mit sich, dass wir zigmal verschiedene Hügel hinauf und wieder hinunter mussten, teilweise echte kleine Kletterpartien, später dann viele Treppen (auch die können verdammt anstrengend sein!). Glücklicherweise kamen wir vor dem großen Gewitterschauer an der Hütte für unsere Pause an, danach regnete es zwar immer wieder mal, aber nicht so kräftig. Und da wir ja vorbereitet waren, machte uns auch das nicht so viel aus. Mich hat der Regen kaum gestört. Die späte Mittagspause mit Blick auf einen Wasserfall gab nochmal so richtig Kraft für die letzten Kilometer der Etappe.
Unsere letzte Hütte war tatsächlich die schönste: Porontimajoki. Direkt über dem Bach, beim Einschlafen hörte man das Plätschern und Gurgeln. Die Lage ist einmalig und mutet im schönen Licht der Abendsonne wie ein der Welt völlig entrückter Platz an. Hier kann man alle Alltagssorgen vergessen! Den gleichen Effekt gibt's im Übrigen auch mit Morgensonne. :D
Der letzte Tag – da hatte ich dann stellenweise Durchhänger und Judith musste für mich den Motivationstrainer machen. Am Anfang war alles gut, es ging durch mehr oder weniger dichten Wald immer leicht bergan, dann die erste spektakuläre Aussicht von einer Anhöhe über endlose Wälder, unterbrochen nur von saphirblauen Seen verschiedenster Größe und winzig kleinen Siedlungen, die man fast mit der Lupe suchen musste und in der Ferne unser Ziel. Anschließend ging wieder etwas hinunter. Irgendwann traten wir aus dem Wald und sahen einen massiven Hügel vor uns.
Der erste einer ganzen Kette von Hügeln
„Müssen wir da etwa hinauf? In gerader Linie?!“ Ich wollte es irgendwie nicht glauben, aber: „ja, da müssen wir rauf“. Und das war nicht der letzte Hügel dieser Art, es kamen noch drei oder vier davon. Hinauf und hinunter ging es entweder über Treppen oder einfach über Felsen. Teilweise gab es zusätzlich Seile zum Festhalten. Hinunter geht ja ganz gut, wenn man sich gut konzentriert. Aber rauf ist – zumindest für mich – ziemlich anstrengend. Immerhin wartete oben immer eine kleine Belohnung: die Aussicht! Dass die Mücken sich zurückhielten, fand ich wirklich nett vom Oberkommando der Lappland Air Force, sonst hätte ich wohl irgendwann gestreikt. :D Einmal musste ich tatsächlich ein wenig fluchen, weil einer dieser sch***-Hügel immer noch einen weiteren Anstieg bereithielt.
All das war nichts im Vergleich zum Hügel in Ruka, auf dem die Skisprungschanze steht, der ultimativ letzte Anstieg. 45° Neigung dürften das mindestens gewesen sein. Nein, ich will nicht nur jammern! :D Als wir nämlich dann das Tor durchschritten und den letzten Kilometerbären fanden, war die Freude riesengroß!!! Wir haben es geschafft!! Es stimmt, es war komisch, den Weg beendet zu haben. Denn man setzt ja weiter einen Fuß vor den anderen, eben auch, wenn man ein Sandwich kaufen gehen will. Das beweist den Wahrheitsgehalt des Spruchs „Der Weg ist das Ziel“. So wirklich am Ziel ist man nämlich nie. Ich kann nun ein bisschen nachvollziehen, wie es manchen Pilgern des Jakobsweges gehen muss, wenn sie nach 800 km oder mehr in Santiago ankommen. Man fragt sich, was nun …? Wie gut, dass wir einen durchgeplanten Tagesablauf hatten und einen Bus erwischen mussten! :D
Bleibt noch eine Frage: wo war der zweite Schummelkilometer?! Den hat man etwas gestückelt, irgendwo in der dritten und vierten Tagesetappe haben wir den noch abgelaufen.
Ich bin immer noch total begeistert von diesem Erlebnis und bin so froh, ja gesagt zu haben! Ohne Mücken könnte ich es mir noch schöner vorstellen, vor allem zur Zeit der Ruska, wenn die Wälder ihre schöne Herbstfärbung erhalten. Da ist allerdings das Problem, dass es früh dunkel wird. Denn diese Tatsache habe ich als sehr angenehm empfunden: egal ob spät abends ins Bett oder früh morgens raus, es war immer hell. Ein Toilettengang im Dunkeln, nur mit Kopflampe, fänd‘ ich persönlich jetzt nicht so prickelnd. Von daher: alles richtig gemacht! Keine Ahnung, ob ich den Karhunkierros je wieder gehen werde. Aber an dieser Art von Freizeitaktivität, also das Mehrtageswandern, habe ich Gefallen gefunden. Das werde ich von nun an öfter machen. Einen konkreten Plan gibt es schon: ich möchte von mir zuhause (Raum Olpe) zu Fuß nach Köln, bis zum Dom wandern. Sind knapp 90 km. In einer Woche locker zu schaffen :D
Mein innigster Dank gilt Judith, für ihre Einladung und dass ich dieses tolle Erlebnis mit ihr teilen durfte!! Auch mir hat es extrem viel Spaß gemacht und das ist zu großen Teilen DEIN Verdienst! Danke fürs Motivieren, wenn’s nötig war. Danke für all den organisatorischen Krams und die Leihgaben. Danke für Deine viele Zeit, die Du innerhalb Deines Alltags für mich erübrigt hast. Danke, dass ich Dich meine Freundin nennen darf!
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