Samstag, 2. April 2016

Japan, Teil 3: Tokyo

Ich muss ja zugeben, Tokyo sah ich ein bisschen mit gemischten Gefühlen entgegen.
Auf der einen Seite fand ich es äußerst spannend, diese Stadt der Superlative kennenzulernen - fast war ich ein wenig aufgeregt - und meiner Meinung nach ist es so was wie ein Muss für jede Japanreise!
Auf der anderen Seite fand ich es schon erschreckend, dass es eine einzige Stadt geben soll, die fast doppelt so viele Einwohner hat wie ganz Finnland. Inkusive der Metrolpolregion gar mehr als doppelt so viele wie NRW!
Ob die Gerüchte wahr sind? Gibt es zum Berufsverkehr wirklich Menschen, die eigens dafür angestellt sind, noch ein paar mehr Fahrgäste in eine Bahn zu pressen? Wie voll sind die Straßen, die Metros, wie hoch die Häuser...?

Nun kann ich sagen: Tokyo hat mich positiv überrascht! Auch wenn Kyoto angeblich das kulturelle Zentrum des ganzen Landes ist, mir hat Tokyo besser gefallen. (Nebenbei: merkt ihr was? Kyo-To und To-Kyo - wirklich sehr kreativ! ;) )

Vielleicht liegt es daran, dass Tokyo so dicht besiedelt ist, dass sich praktisch Zentrum an Zentrum reiht. So etwas wie Vororte findet man erst weit draußen, da bin ich gar nicht hingekommen! Egal wo in der Stadt man sich aufhält, man hat Leben um sich - seien es nun kleine Restaurants oder Parks oder Tempel. Graue Hinterhofstraßen habe ich ziemlich wenige gesehen, dafür mehr Wasser als erwartet! Und da Tokyo viele Zentren hat, die alle ihren eigenen Charakter haben, gibt es auch für Besucher einfach unglaublich viel zu sehen!

Das Wetter war ziemlich grau und am ersten Tag auch ziemlich nass, aber dagegen hatten wir ja eine bunte Stadt und einen Poncho...

Los ging's in Asakusa. Einem Stadtteil mit einem berühmten Tempel (Tokyos ältester!) und vielen Shoppingarkaden - damit wir uns wenigstens nicht die ganze Zeit nassregnen lassen müssen, falls es so schlimm kommen sollte wie vorhergesagt.
Morgens sah es aber noch ganz gut aus - das dachten sich viele andere ebenfalls!
Hier vorm "Donnertor" - die Papierlaterne ist enorm!


Geht man weiter, erreicht man nach einem Spaziergang durch viele Straßenstände (und noch viel mehr Menschen) den Senso-ji mit seinen Tempelbauten und der fünfstöckigen Pagode.
Tempel sind die einzigen Orte, an denen ich mich an meine Asienreise von vor drei Jahren erinnert fühle. Die Kultur in Japan ist eine ganz andere, aber der Geruch der Tempel (Räucherstäbchen!) ist doch überall gleich...
Nicht allzuweit entfernt steht auch der Sky Tree - mit 634 m höchstes Bauwerk des Landes sowie höchster freistehender Fernsehturm der Welt. So viel Rekord und doch sind wir nicht raufgefahren - zu schlechte Sicht, es dauerte schon lange genug, bis man mal annähernd den ganzen gleichzeitig auf ein Foto bannen konnte!


In den Shoppingstraßen haben wir uns auch rumgetrieben, aber die unterschieden sich nicht großartig von Kyoto, also fuhren wir ein paar Metrostationen weiter bis nach Akihabara, das es in Kyoto so ganz gewiss nicht gibt!
Wer sich noch nicht so sehr mit Tokyos Stadtteilen beschäftigt hat: Das ist das Elektronikviertel. Angeblich gibt es hier ALLES, von Hightechkamera bis Waschmaschinenersatzteil. Nachprüfen konnt' ich's nicht, aber glauben tu ich es. Was für eine Welt! Besonders, wenn man auf Computerspiele steht.


Unendliche Läden mit Sammelfiguren deiner Videohelden. Das hier ist nur ein Regal aus einem Laden, der ein einziges Labyrinth dieser Glaskästen war...


Und sogar zwei Postkarten konnte ich abstauben. Ihr glaubt es kaum, aber in Japan an Postkarten zu kommen ist eine Herausforderung! Man muss sie sich mühsam zusammensammeln - meist an irgendwelchen Attraktionen, die dann genau dieses Stück Japan in fünf Ansichten verkaufen, wie z.B. den Tokyo Tower (siehe unten). Und hier gab es ganz normale Stadtansichten! Zugegeben, der Ständer war so gut wie ausverkauft... Warum wohl!?

Ihr seht, einen ganzen Tag haben wir trotz des Wetters da draußen verbracht - Zeit, ins Hotel zurückzukehren. Und von diesem möchte ich euch auch erzählen. Denn auch das war ein kleines Abenteuer!

Schon vor meiner Reise stand für mich fest, dass ich diese Erfahrung nicht auslassen will. Denn es gibt kaum eine Unterkunft, die so typisch japanisch wäre wie ein Kapselhotel.
Wahlweise der privateste Schlafsaal oder die kleinsten Gästezimmer der Welt. Und so sieht das aus:


Jede Kapsel mit eigenem Fernseher und genialem japanischem Unterhaltungsprogramm wie Seifenoper, Telefonshopping u.ä. ;)
Angeblich sehr beliebt bei Geschäftsreisenden. Und typischerweise entweder den Männern vorbehalten oder mit geschlechtergetrennten Fluren. Aber wer suchet, der findet - dieses hatte auch Doppelkapseln und als Luxus obendrauf als Badezimmer ein richtiges Spa.
Unfairerweise war allerdings das große Bad mit Whirlpool, Sauna, Poolliegen usw. abends immer den Männern vorbehalten und nur morgens für Frauen zugänglich (wenn die Sauna aus war!), während wir Mädels nach einem langen Tag brav mit dem Minibad (nur Duschen und Waschbecken) Vorlieb nehmen mussten. Hier merkt man noch die alten Standards... :/ Aber auch morgens im Whirlpool planschen hat was und wenigstens war die Ausstattung beider Bäder mit Duschgels, Zahnbürsten, Stylingprodukten usw. phänomenal.
Kleine Abstriche musste man machen bei der Gepäckaufbewahrung und dass es W-Lan nur in der Lobby gab, aber insgesamt ein super Preis-Leistungsverhältnis. Und direkt an der Metro und einer Restaurantstraße gelegen. Also wenn jemand mal die Erfahrung machen will, erzähle ich euch gerne mehr! :)

Nun aber weiter zu unseren Erlebnissen in der Hauptstadt. Am nächsten Tag waren wir nämlich auf dem Fischmarkt.
Nicht zur weltberühmten Thunfischauktion, leider - aber uns war einfach nicht danach, bereits um 4.30 Uhr vor der Markthalle anzustehen. Und der Normalbetrieb des Marktes war immer noch sehenswert! Auch hier hatte ich zweigeteilte Gefühle. Einerseits das hochspannende Treiben des Marktgeschäfts - man musste aufpassen, von kleinen Fischkarren und Staplern nicht überfahren zu werden und konnte unglaublich viele verschiedene (und große!) Meerestiere bestaunen - andererseits aber die Erkenntnis, wie groß dieser Markt war, wieviele Tiere tagtäglich, 7 Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr, aus dem Meer geholt werden. Getötet, um für uns auf dem Teller zu landen. Nicht nur dort, sondern überall auf der Welt. Diese Mengen - wieviel muss da im Meer leben, dass es nicht längst schon leergefischt ist! Und so gerne ich auch Fisch esse, so ein Erlebnis gibt einem doch zu denken. Es übersteigt einfach alle Vorstellungskraft, wie viel Fisch dort verkauft wird!




Im Anschluss machten wir einen Spaziergang durch die Stadt. In der einfach alles, was Spaß macht, verboten ist. Spielverderber, diese Japaner!


Je nachdem, wo man entlangspazierte, sah es teilweise gar fast europäisch aus.


Schließlich erreichten wir unser Ziel, den Tokyo Tower. Eigentlich wollte ich nur mal den modernen Eiffelturm sehen, wo ich doch noch nie in Paris war, aber am Ende entschieden wir uns, ihn nicht bloß von unten zu besichtigen.


 Denn von oben hat man einen grandiosen Ausblick über die Stadt.

Genau diesen. Die Aufnahme stammt aus dem Flyer des Turms.
Faszinierend, wie kleine Tempel und Friedhöfe Inseln in dem Meer von Wolkenkratzern bilden.


Also wer nicht wusste, wie groß Tokyo ist, der weiß es jetzt, nicht wahr?

Aber Großstadt heißt ja nicht nur Häusermeer. Mitten drin findet sich ein Schatz wie dieser hier. Alte, große Bäume, ja ein richtiger Wald! Plötzlich herrscht Ruhe, richtige Ruhe vor dem Trubel der Stadt. Und aus irgendeinem Grund stehen mitten im Wald plötzlich unzählige Sake-Fässer herum - ein Kunstwerk vielleicht?


Unser Weg durch diesen Park führte uns nach Harajuku, dem Viertel, wo wahrscheinlich alle Designermarken der Welt vereint sind. (Wir haben aus Spaß Marimekko besucht!) An jedem Gebäude liest sich ein anderer bekannter Name. Und die Gebäude selbst sind in dieser Gegend besonders extravagant. Hier der Eingang eines Einkaufszentrums...


Das Viertel geht praktisch in Shibuya über. Und das ist es, was man bei Tokyo wirklich immer im Kopf hatte: Diese flashigen Reklametafeln überall und (stellenweise) ein Menschenauflauf, der seinesgleichen sucht.



Also einmal in die Welt eintauchen, einen Donut von der amerikaniserten Kette um die Ecke holen, Leute kucken und dann die CD-Läden durchforsten und Joris Sammlung aufstocken...
Außerdem wäre unser Plan gewesen, irgendwann ein Konzert zu besuchen. Leider lief uns da nichts Passendes über den Weg. Was uns aber spontan in einem der großen Musikläden über den Weg lief, war der Live-Auftritt einer Girlband, dass die Bühne nur so wackelte! War vielleicht nicht gerade DAS Konzert, das wir uns ausgewählt hätten, aber umsonst und auch so ein klasse Erlebnis!

Nachdem wir nun die Highlights der Stadt erlebt hatten, blieb uns noch ein Tag für spontane Erkundungen. Und ein Besuch eines Japanischen Gartens stand ja eh noch auf meiner Liste...



Was für ein Glück bei so viel Steinsammlung und Gartenarchitektur, dass für Jori wenigstens hunderte große Fische in den Teichen schwammen und auch noch ein paar andere Tiere entdeckt werden konnten!


Apropos Architektur und Garten - normalerweise lege ich meine Reisen ja nicht nach meinem Beruf aus. Andere Architekten würden sich eine Liste zeitgenössischer Architektur zurechtlegen und nicht eher Ruhe geben, bis sie nicht die Orte dieser Liste besucht und analysiert sowie neue Inspiration gefunden haben. Ich habe in meiner Karriere bisher (zu?) wenig Wert auf große Namen gelegt. Ich sehe ein, dass viel sehen auch viel Inspiration heißt und vielleicht kommt es daher, dass ich mich manchmal gegen andere Superentwerfer ziemlich unkreativ fühle. Aber wenn ich im Urlaub bin, sauge ich eben lieber Gesamtstimmungen und Straßenleben in mich auf, als dass ich "richtig besichtigen gehe".
Aber hierdrüber bin ich gestolpert und finde es wirklich klasse: Mitten im Zentrum, unweit des Hauptbahnhofs, gibt es dieses Bürohaus. Von außen bereits durch seine (wenn auch in dieser Jahreszeit noch etwas spärlich) begrünte Fassade zu erkennen. Innen wird zum Wohl der Mitarbeiter Gemüse angebaut und der Salat soll wohl über die Kantine auch den Weg in den Magen finden. Gut, oder?

Zum Schluss dieses Artikels noch eine Anmerkung über die japanische Kultur. Kunst oder Alltag? Ja, Schirmschließfächer sind ganz normal, auch wenn dieses gerade vorm Museum für zeitgenössische Kunst steht. Man will schließlich, dass es drinnen für alle gemütlich bleibt.
Rücksichtnahme ist ein großer Teil der Gesellschaft.
Einige Leute tragen Mundschutz. Man könnte meinen, das sei zum Eigenschutz oder was für die Empfindlichen. Aber erstens ist im Gegensatz zu so einigen Städten anderer Länder, wo ich schon war, die Luft in Japan überaus sauber. So weit ich das ohne Messungen sagen kann, zumindest ist es weder staubig noch stinkt es.
Zweitens habe ich gehört, dass auch das nur ein Teil der Rücksichtnahme in der Gesellschaft ist. Wenn man einen Schnupfen hat, will man schließlich seine Bazillen in der Öffentlichkeit niemand anderem zumuten! In einer Gegend, wo die Menschen so dicht an dicht wohnen, sicher sinnvoll!

Und zum Schluss noch die Auflösung: Zumindest ich habe in dreieinhalb Tagen Tokyo keinen einzigen Bahnvollstopfer gesehen. Der Nahverkehr funktioniert, weil die Bahn alle 2-3 min kommt, fünf- bis achtmal so lang ist wie eine in Dortmund und die Menschen das Schlage stehen kapiert haben. Und wenn dann Bahn gefahren wird, ist die Lieblingsbeschäftigung von 95% der Fahrgäste ihr Smartphone...

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