Das war ein gezieltes Vorhaben, aber manchmal ergibt auch nur eine Verkettung von Umständen den Ausflug. Wenn man nach der Arbeit vor lauter Sonnenschein keine Lust hat, nach Hause zu gehen, deswegen Jori anruft mit dem Vorschlag, zum Abendessen in die Nudelbar zu fahren, beim Warten auf dem Marktplatz eine Bekannte trifft, diese schließlich ein Stück weit nach Hause begleitet, wordurch man an einem Grillrestaunt vorbei kommt, welches Jori wiederum an ein anderes erinnert, wohin er nun statt der Nudelbar möchte, weswegen wir Kurs in Richtung Uni aufnehmen, um dann kurz vorm Ziel ein ganz neues, viel interessanteres Restaurant zu entdecken, auf dem Parkplatz vor welchem wir dann auch mit Takeaway Essen aus eben diesem enden...
Das nur beispielhaft dafür, wie Pläne sich ändern und am Ende doch immer was Gutes rauskommt. So auch bei unserer "richtigen" Fahrradtour. Da ich ja vor meinem Heimflug überraschend noch eine volle Woche Zeit zum Reisen hatte, wollten wir noch mal "was Größeres" unternehmen.
Im Gespräch waren sowohl das Stück Strecke in Norwegen, das wir beim letzten Mal durch unseren Weg über Wasser ausgelassen hatten, als auch der sogenannte Königsweg, eine alte Handelsstraße in Südfinnland mit einigen Sehenswürdigkeiten rechts und links des Weges.
Letzteres inspiriert durch einen Bekannten Joris, den er schon seit Ewigkeiten besuchen will (und den wir letzten Endes doch nicht gesehen haben) und außerdem waren wir gebeten worden, diesen Sommer doch bei Joris Onkel in Helsinki vorbeizuschauen, da lag das irgendwie näher, zwei Fliegen mit einer Klappe und so...
Also mein Favorit wäre ja Norwegen gewesen, aber der Weg zum Startpunkt hätte nicht nur doppelt so lange gedauert, sondern auch doppelt so viel gekostet. Also siegte einen Tag vor Abreise die Vernunft und wir kauften Zugtickets nach Turku.
Jetzt muss ich ja mal die finnische Bahn loben: nicht nur abschließbare, platzsparende Fahrradhalter haben sie, sondern auch gleich auf der anderen Seite Schließfächer, wovon bereits eins ausreichend Platz für Satteltaschen und Helme von gleich zwei Leuten bietet!
Gerne hätte ich in Turku eine Freundin von mir besucht, die ich nicht mehr gesehen habe, seit sie aus Oulu weggezogen ist, aber bei unserer ultrakurzfristigen Planung klappte das leider nicht mehr. So mussten wir Turkus gemütliche Uferlokale trotz ihrer einladenden Sonnenterrassen links liegen lassen und uns auf den Weg machen ins unspektakuläre Kaarina, denn wegen unserer späten Ankunftszeit und der erfahrungsgemäß in Städten nicht gerade üppigen zelttauglichen Flächen hatten wir vorsorglich schon mal einen Privatgarten reserviert. Gut, dass Jori alte Gamerfreunde hat! Auch wenn er Heidi erst ein einziges Mal vor vielen Jahren live und nun selbst seit Monaten nicht mehr online gesehen hatte... sie gab uns eine Privatführung von lokaler Dönerbude über die besten Pokestops (ich wusste gar nicht, dass heute immer noch Leute hinter Pokemons her sind!) bis hin zu einer für das angeblich nichts bietende Dorf wirklich hübschen Ruine mitten im Nirgendwo! Und trotz naher Straße war auch unser Privatstrand nicht zu verachten...
Diese ersten 20 km waren nur zum Eingewöhnen. Am nächsten Tag ging's richtig los, immer auf der Suche nach dem berühmten (und dafür recht spärlich beschilderten) Königsweg!
Kein Wunder, dass wir ihn bald verloren und einer viel zu lauten Hauptstraße folgen mussten, wo LKWs unsere sonnengecremten Beine mit Sand und Straßenstaub puderten. Ach, das stille Norwegen, was wäre es schön gewesen...
Es gab aber auch erfreuliche Überraschungen, wie z.B. eine Bäckerei an einem Ort, der eher wie Kreuzung mit Tankstelle als wirklich nach Dorf aussah - dafür kamen aber am laufenden Band Menschen mit dem Auto hierher. Wir wissen jetzt, warum: Sie haben wirklich großartige Kuchen, Torten und Kekse! :)
Da die Hauptstraße nicht der Königsweg war, verließen wir sie schließlich auf der Suche nach dem richtigen Pfad und siehe da, es wurde schlagartig ruhig, abgesehen vom bald einsetzenden Rappeln unter den Rädern - Schotterstraße! Dafür wunderschön idyllische Bauernhäuser und endlich das Gefühl, hier doch richtig zu sein. Zivilisation in allen Ehren, aber das hier war Finnland, da musste doch trotz Südens einfach noch irgendwo weite Landschaft sein! Und es war und blieb, denn siehe da, plötzlich hatten wir ihn wieder, den Königsweg und folgten ruhigsten asphaltierten Straßen zwischen Feldern und Wald... so muss es sein!
Als wir die Stadt Salo erreichten, reichte es uns für den ersten Tag. Von der Hitze verschwitzt (ja, auch Finnland hatte eine Hitzewelle) und mit Dreck bestreuselt wie wir waren, gewann plötzlich der Wunsch nach einem Badezimmer Überhand und wir probierten viel zu lange, an ein Hotel- oder Pensionszimmer zu kommen. Tja, nichts zu machen, entweder schon voll oder über Budget...
Es wurde später, es wurde kühler und da man bekanntlich in Städten kein Zelt aufstellen kann... Weiter ging's, in der Hoffnung, wenigstens einen See zu finden.
Jori sah das Schild zum Campingplatz. Welcher dem Namen nach auf einer Insel liegen sollte, nur noch ein paar Kilometer!
So kamen wir schließlich für günstig Geld nicht nur an eine heiße Dusche und voll ausgestattete Küche, sondern ganz nebenbei auch noch an einen wunderbaren Sonnenuntergang. Insel eben. Einfach schön.
Und drumherum war die Welt auch noch in Ordnung. Wie immer hat Jori für uns das Wildlife gesichtet:
Am nächsten Tag gab es eine spontane Planänderung. Warum nicht einen kleinen Umweg in Kauf nehmen für den Küstenradweg, wenn der Königsweg schon so schwer zu halten ist? Etwas, was schon "Radweg" im Namen hat, kann schließlich so verkehrt nicht sein und wenn er dann noch durch einen Nationalpark führt, lohnen sich ja hoffentlich sogar die zwei, drei Stunden Umweg, dachten wir uns.
Ja, haben sie! :) Auch wenn wir uns fragten, warum es eigentlich schon seit zwei Tagen fast nur bergauf geht. So hoch kann Finnland doch gar nicht werden! (Ja, ich bin immer noch nicht wirklich fit...)
Im kleinen Ort Teijo gab es einen Tante-Emma-Laden, wie man sie eigentlich für ausgestorben hält, wenig später in Mathildedal frische Cranberry-Pullas (Hefeteilchen) und wenn man wollte sogar Kaffee aus der eigenen Rösterei!
| Kirche in Teijo |
Am nächsten Morgen stellte Jori mal wieder sein Talent unter Beweis. Im linken Bild, was ich sah. Und, seht ihr's? Wenn ja - wow! Doch wahrscheinlich nein? Nicht schlimm, außer Jori bestimmt niemand. "Look, there!" Wo? "In that tree, above that branch up there, the one on the right!"
WIE findet er die, vor allem auf diese Entfernung?!?
Auch heute wieder meist ruhige Straßen mit schön viel Natur drumrum. Nur die Hitze ist echt anstrengend. Und die Tatsache, dass Südfinnland weder so flach ist, wie man denkt, noch wie es auf den Fotos wirkt...
Was mir nicht bewusst war, Fiskars ist nicht nur ein Markenname für scharfe Klingen, sondern auch ein Örtchen mit alter Industriegeschichte, Museen, angelegten Parks und einer Menge Touristen. Inklusive uns. Ein echtes Ausflugsziel mit allem, was dazugehört. Eine der Sehenwürdigkeiten auf dem, ja, wir haben ihn wieder, Königsweg!
Eine weitere solche ist "Mustion Linna" und der Park drumherum. Es war eigentlich schon längst Zeit für die Abendrast und die Versuchung groß, uns ins schicke Hotel mitten im Park einzubuchen. Tolle Atmosphäre und auch da hätten sie ein Badezimmer gehabt...
Schließlich begnügten wir uns aber doch mit einem Parkspaziergang und schwangen uns wieder in die Sättel, um noch ein wenig Strecke in die Hauptstadt gutzumachen.
| Na, was schlängelt sich da durch den Schatten der Grashalme? Ein Regenwurm! Und Jori hat ihn natürlich gefunden... |
Ja, Kilometer haben wir gemacht, mehr als geplant. Gar nicht so einfach, einen guten Platz für die Nacht zu finden. Aber jetzt, wo die Temperaturen endlich etwas angenehmer werden, können wir ja auch gut noch weiterstrampeln. Und noch weiter und immer noch weiter...
Manchmal hilft der Zufall. Ich hielt eigentlich nur an, um vor dem Abhang (endlich ging unsere Straße mal bergab!) zu checken, ob wir unten an der Kreuzung geradeaus oder rechts müssen, doch ein älterer Anwohner in seinem Vorgarten sah uns und fragte, ob er uns helfen könnte. Der Finne an meiner Seite lehnte zwar schon ab, doch ich fragte einfach mal, wie es mit zelttauglichen Plätzen in der Umgebung aussieht. "Ja, da unten rechts, keine 500 m, da zweigt eine Birkenallee zum See ab, da zelten oft Leute, da gibt's auch einen Lagerfeuerplatz und ein Plumpsklo. Ich geh' da auch drei Mal am Tag schwimmen, wenn ihr dahin fahrt, sehen wir uns in 'ner Stunde".
Campen drei Meter vom See und wenn schon kein Badezimmer, dann doch eine ziemlich große, natürliche Badewanne! :)
Etwas später erfuhren wir von dem netten Schwimmer, dass wir schon näher als gedacht an Helsinki seinen, nur noch etwa 50 km. Dann würden wir also mit Sicherheit morgen ankommen - nur wo schlafen, jetzt wo Joris Onkel doch noch abgesagt hatte? Ihr wisst, das mit dem Zelten und der Stadt...
AirBNB lautete die Lösung. Dusche, Waschmaschine (!) und ein weiches Bett bei einer netten Familie in Espoo. Auch wenn ich ja eigentlich froh war, auf diesem Trip Computern entronnen zu sein, ein Hoch auf das Internet! ;)
Von Espoo ist es wirklich nicht mehr weit nach Helsinki, die Städte sind zusammen mit Vantaa quasi bloß eine. Es überraschte mich auf dem Weg, was für ein großes Naherholungsgebiet Helsinki beinahe mitten in der Stadt hat. Entweder der waldartige Park ist sehr schmal und nur lang, oder er ist wirklich riesig!
Hat man einmal den Hauptradweg neben der Bahntrasse erreicht, kann man ihr bis zum Hauptbahnhof folgen und genau da wollten wir hin - nicht, um schon einen Zug zurück zu nehmen, zwei Tage Zeit hatten wir schließlich noch - sondern um die Schließfächer in Anspruch zu nehmen, denn wir hatten ja noch was vor, wofür Fahrradtaschen und Campingausrüstung eher lästig als nützlich waren...
Mitten in Helsinki, schon um unser Gepäck erleichtert und eine knappe Stunde, bevor das Boarding für unsere Fähre schloss, verstand Jori es mal wieder, mich auf seine ganz eigene, unnachahmliche Art zu schocken: "I don't think I have my passi with me!".
Wir wollen die EU zwar nicht verlassen, insofern sollte es ohne gehen, aber erstens weiß man nie, was die Kontrollen so fordern - um von Oulu nach Düsseldorf zu fliegen, habe ich auch noch nie meinen Ausweis gebraucht, von Düsseldorf nach Oulu hat es aber noch kein einziges Mal ohne funktioniert - und zweitens hatten wir vor ein paar Tagen noch darüber gesprochen, dass er ihn dabei hatte! Wieso sollte er nun in Oulu sein? "Das habe ich gesagt? Dann hatte ich ihn wohl doch mit, sonst hätte ich das ja nicht gesagt. Aber hier hab ich ihn trotzdem nicht, dann muss er im Schließfach sein."
Anstatt gemütlich noch einen Snack zum Mittagessen einzusammeln, also zurück durch die halbe Stadt gehetzt, in der allerletzten Seitentasche der Satteltaschen tatsächlich fündig geworden, wieder in Richtung Hafen geeilt und PUH! Geschafft! Die vorherige Fähre war zu spät gewesen, das Boarding hatte nicht mal begonnen. Und eine Passkontrolle gab's auch nicht. Man hätte es wissen müssen :)
So, jetzt konnte der Urlaub vom Urlaub beginnen.
Na, wer weiß, wo es hinging? :)
Nicht verunsichern lassen durch die deutsche Werbung - so viele Möglichkeiten gibt's ja eigentlich nicht mehr: Tallinn.
2006 hatte ich schon mal einen Tagesausflug dorthin unternommen, doch jetzt mit zwei Übernachtungen hatten wir etwas mehr Zeit, die Stadt ausführlich zu erkunden. Schöne Plätze, gemütliche Gassen...
Nur wenige Gehminuten außerhalb des unmitelbaren Touristenzentrums hängen an einigen Fassaden Steinschlag-Warnschilder. So löst mal das Problem der verfallenen Häuser auf estnisch! ;)
Auch eine etwas eigenwillige Integration von alten in neue Gebäude...
Als es Abend wurde, suchten wir nach einem Restaurant und landeten einen absoluten Glückstreffer. Keiner von uns hatte bisher ukrainisch gegessen, so waren wir neugierig und wagten uns die enge Treppe hinunter, in der Erwartung, in einem Kellerloch zu landen. Doch weit gefehlt! Trotz zentraler Lage und (für den Finnland-Gewohnten) günstiger Speisen erwartete uns ein schickes weißes Gewölbe, große Bogenfenster zum grünen Innenhof und ein beinahe Privatkellner (außer uns hatte sich nur noch ein anderes Grüppchen dorthin verirrt).
Zum Schluss noch ein kleiner Bummel durch die nächtliche Stadt (schon seltsam, plötzlich wieder so weit im Süden zu sein, dass es dunkel wird).
Der nächste Tag stand dann ganz im Zeichen der alten Gemäuer. Zunächst rauf zur orthdoxen Kirche, der Alexander-Newski-Kathedrale.
Vom oberen Stadtteil gibt es auch eine Reihe guter Blicke auf die Altstadt. Immer noch viele Stadttürme, doch es waren früher gar mal mehr als doppelt so viele!
Im Hintergrund dann die modernere Stadt.
"Dicke Margarethe" und ein Stückchen Stadtmauer:
Postkartengasse: Die Katharinenpassage.
Und nebenbei noch der eine oder andere versteckte Innenhof...
...und weitere 111 hübsche Details, wie ein Schaufenster mit Riesenrad, die etwas netteren Terroristenblockaden oder eine kunstvolle Uhr.
Unser letzter Vormittag wurde dann eher den Aktivitäten gewidmet, für die der gewöhnliche Finne herkommt, wenn auch in weitaus kleinerem Umfang: Markt und Geschäfte abklappern, besonders, um Alkoholpreise zu vergleichen. Ja, für viele finanziert sich die Überfahrt bereits mehrfach durch das eingekaufte Trinkgut. Also mir war ja mehr nach Mittagessen. Während ich unsere Sachen beaufsichtigte, versuchte Jori, eine Bentobox o.ä. aufzutreiben. So sieht eine solche also auf estnisch aus! :D
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen