Der Besuch war eine relativ spontane Entscheidung. Wir bekamen die Chance, einen Ausflug dorthin zu buchen, aber vorgesehen war dies von unserem Reiseveranstalter eigentlich nicht. Genaugenommen mussten wir im Voraus separat für einen anderen Ausflug an diesem Tag bezahlen und bekamen das Geld nicht mal wieder. Ich könnte jetzt meinen Unmut über einige organisatorische Dinge loswerden bei einem Veranstalter, der anderenorts sehr wohl in der Lage ist, "optionale Aktivitäten" anzubieten, doch will ich mal nicht weiter drauf eingehen, denn ich habe meine Entscheidung nicht bereut.
Selten hat mich ein Land derartig überrascht! Meine Vorstellung von Ruanda war mal mindestens deutlich veraltet, wenn nicht gar einfach nur falsch. In meinem Kopf hatte ich ein unbestimmtes Bild von den schrecklichen Ereignissen, die damals durch die Nachrichten kamen und die ich (zum Glück?) damals noch nicht so ganz genau verstand. Zurückgeblieben war der Gedanke an ein armes, kleines Land irgendwo mitten in Afrika...
Wer hätte gedacht, dass ich schon bald meinen Augen nicht trauen wollte und glaubte, mich in Klein-Europa wiederzufinden! Ja, Ruanda soll einer der rasentesten Entwickler in Afrika sein. Wer sich mehr mit Geografie, Geschichte und Politik beschäftigt, dem ist das jetzt nicht neu, aber ich war einfach hin und weg!
Das Land ist viiiel sauberer als seine Nachbarn. Ja, auch hier gibt es noch Müll im Straßengraben, doch wenn man die Mengen vergleicht, ist es verschwindend gering. Ständig sieht man Menschen vor ihren Läden oder Wohnungen die Straßen fegen, sie scheinen als einziges Volk in der näheren Umgebung kollektiv Wert auf Sauberkeit zu legen. Überhaupt sind die Menschen irgendwie so beschäftigt und scheinen viel weniger rumzusitzen als anderswo! Und dann die Straßen - 1A-Zustand. Das erste Land mit Rechtsverkehr! Unserem Fahrer war das aber anscheinend nicht ganz geheuer, er fand sich, wo immer möglich, mindestens in der Straßenmitte, in Kurven auch gerne auf der linken Seite wieder und zwar ungeachtet dessen, ob Felsen die Sicht auf den Gegenverkehr hinter der Kurve behinderten... Also an der Breite oder Oberflächenbeschaffenheit der Straße kann es jedenfalls nicht gelegen haben, die hatte europäische Standards! Wären die Menschen nicht immer noch dunkelhäutig, bunt gekleidet und die Häuser angemalte Werbeträger für Baumaterialien und Mobilfunkanbieter, ich hätte angezweifelt, noch in Afrika zu sein. Selbst die nervtötenden Bodenwellen hielten sich nach Grenzüberquerung plötzlich deutlich zurück!
Landschaftlich ist Ruanda ähnlich wie Uganda voller grüner Hügel. Die Hänge sind so steil, dass die Besitzer aus Erosionsgründen verpflichtet werden, Terrassen anzulegen, egal ob sie Landwirtschaft betreiben wollen oder nicht.
Hier machten wir einen kurzen Stopp an der "natürlichen Brücke", wo ein langes Tal an einer Stelle von einem Erdrücken unterbrochen wird.
Kurz danach erhielten wir einen ersten Blick auf die Hauptstadt Kigali (rechts im Bild). Auf Entfernung ist es interessant zu sehen, wie sich noch am linken Hügel kleine Wohnhäuser den Hang hinaufschachteln, während vom nächsten bereits Hochhäuser herüberwinken.
Von dort aus ging es zurück nach Kigali, wo wir zunächst zu der Gedenkstätte fuhren, wo im April 1994 das Morden mit dem Angriff auf zehn UN-Soldaten begann. Die Männer versuchten bis zum bitteren Ende, in einem Raum verschanzt gegen die Übermacht von 100 Angreifern zu überleben, doch Hilfe traf nicht ein. Heute befindet sich dort eine kleine Ausstellung zu Völkermorden im Allgemeinen. Hier habe ich gelernt, dass im 20. Jahrhundert 170.000.000 Menschen durch Genozid umgekommen sind. Eine unfassbare Zahl!
Unser Hauptziel auf diesem Tagesausflug war das Genozidmuseum in Kigali. Eine modern aufgemachte Ausstellung zu Entstehung und Durchführung des Völkermordes mit vielen bewegenden Einzelschicksalen. Hier habe ich zum ersten Mal verstanden, was damals wirklich passiert ist. Ich kann nicht beurteilen, ob alle Einzelheiten der Ausstellung lückenlos recherchiert sind, doch einen umfassenden Eindruck von den schrecklichen Ereignissen habe ich erhalten. Und kann es immer noch nicht recht fassen. Eine Tafel im Museum hat mich besonders nachdenken lassen: "Als nach dem Holocaust 1948 gesagt wurde 'nie wieder', betraf das etwa nur bestimmte Regionen oder Volksgruppen? Galt das nicht für alle?"
Nach den furchtbaren Ereignissen in Ruanda sollen nun neue Mechanismen Menschenrechte schützen und dafür sorgen, dass "nie wieder" dieses Mal Realität wird. Ich hoffe es, doch momentan sieht es ja anderswo schon wieder so aus, als würde es doch nicht für alle gelten...
Hoffnung macht, dass Ruanda in die Zukunft blickt. Jeder Mensch, der damals bereits geboren war, hat für den Rest seines Lebens damit zu kämpfen, was er gesehen, erlebt oder getan hat und selbst viele der jüngeren Generation sind betroffen, wenn sie ihre Eltern leiden sehen oder ihre Großeltern nie kennengelernt haben. Aber heute herrscht trotzdem das Bild vor, dass sie EIN Volk sind. Etwas, was historisch gesehen sowieso der Fall war. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde die Einteilung in verschiedene Volksgruppen von früheren Kolonialherren nach der Anzahl ihrer Kühe vorgenommen!
Nun habe ich mich viel der jüngeren Geschichte des Landes gewidmet, aber darum ging es bei unserem Besuch ja tatsächlich auch. Ich bin sehr überrascht, wie gut sich das Land äußerlich erholt hat. Ich ganz persönlich habe eine Theorie - vielleicht sind die Energien zum Wiederaufbau des Landes ganz einfach Trauer, Wut und Verzweiflung in neue, produktivere Bahnen gelenkt?
Es wäre nicht richtig zu sagen, dass es ein schöner Tag war. Zu schrecklich sind dafür die Dinge, die ich gelernt habe. Aber es war ein guter Tag. Weil ich ein gutes, aktuelles Bild von diesem Land bekommen und wirklich viel gelernt habe.
Zur sachten Rückkehr in die Realität der Gegenwart hier noch ein paar Eindrücke aus Kigali:
Und wie überall in Afrika sind die Frauen auch hier Spitzenklasse darin, Waren auf dem Kopf zu tragen:
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen