Dienstag, 16. Juni 2015

Im Süden

Es ist Dienstag Abend und mein Zug setzt sich soeben in Bewegung.

Selten habe ich einen Kurztrip fototechnisch so schlecht dokumentiert. Und dabei war es (und das sogar unerwarteterweise!) eins der besten Wochenenden des Sommers! Denn ich war im Süden... Im Süden, da wo die Palmen auf den öffentlichen Plätzen wachsen! Und... na gut. Spoiler: Ich hab Finnland nicht verlassen. Ich hab mich lediglich für siebeneinhalb Stunden in den Zug geschwungen und Wald, Wald, Wald und Wald und natürlich auch Wald an mir vorüberziehen lassen. Und irgendwann auch wieder Felder und dann Wald und Wald und Felder und Wald. Und eine Stadt, da musste ich umsteigen. Und Wald, Wald und noch ein Feld und noch ein Wald und noch ein Wald und wieder Wald und natürlich ziemlich viel Wald. Und Wald... (Na, schon langweilig? Ich weiß. So 'ne Zugfahrt, die ist ganz schön lang!) Noch länger fühlt sie sich an, wenn die Abteiltemperatur aus unerfindlichen Gründen bei 30°C liegt. Aber andererseits stellt einen das auch erst so richtig auf den Sommer ein.
Denn zu dem Zeitpunkt ging ich ja noch davon aus, dass Sommer (fast) alles wäre, was mein langes Wochenende zu bieten hat. Der Grund, warum ich mir ursprünglich die Zugtickets kaufte, war ein Rhönrad-Trainingscamp - juchuu, üben mit genug Platz und Trainer! - aber nachdem ich die Tickets schon hatte, erfuhr ich, dass es abgesagt wurde. Große Enttäuschung! Und ich hatte doch extra den früheren Zug hin und den späteren zurück gewählt!
Mit ein bisschen oh-nein und bitte-bitte legten wir aber fest, wenigstens am Montag zu dritt zu trainieren. Und was macht man mit der übrigen Zeit? Vorsichtshalber nahm ich eine lange Liste von Sehenswürdigkeiten mit, erstellt von einem netten Kollegen. Doch irgendwie kam alles anders und ich kaum noch zum Sightseeing...

Nun, der Reihe nach, wie mein Wochenende immer besser wurde:

Samstag Morgen im Zug: Ich bekomme eine SMS von Satu, dass wir auch am Sonntag Nachmittag in die Halle können – sie betreut zwar eine Gruppe, aber ich könne dazukommen. Jesss! :D

Samstag Abend: Ich steige in Turku aus einem überhitzten Zug und merke, dass auch die Luft sonnig und warm ist. Dazu nur wenig Wind und Abholservice einer netten Couchsurferin, mit der ich alsbald auf die Wohnungseinweihungsparty ihrer Freunde gehe.

Ab da denke ich, ich bin wirklich im Ausland. Die sprechen so eine komische Sprache... Richtig, es sind Finnland-Schweden. Alle, bis auf meine Couchsurferin Johanna und die kann fließend schwedisch.
Kulturell habe ich eine Menge über Finnland-Schweden dazugelernt (Verhalten von Finnen und Schweden auf der Fähre u.ä.). Und auch sprachlich. Ich gehe davon aus, dass ich genau die Worte verstanden habe, die dir, liebe Susi, als einzige unbekannt geblieben wären – oder benutzen Schweden-Schweden auch z.B. roskis oder kiva? ;)
Es war sehr nett, wie alle größte Rücksicht auf mich, die Fremde, genommen haben und viel englisch sprachen. (Immerhin ein guter Kompromiss, auch für sie war es leichter als finnisch!)

Was mir von diesem Abend aber am meisten im Gedächtnis bleiben wird, sind ihre Stimmen. Ein Großteil der Gruppe singt zusammen in zwei Chören, die auch gemeinsam auftreten und deswegen singt natürlich auch ein Großteil der Gruppe auf einer Party, die gemeinsam gefeiert wird! Es war richtig gut.
Zu späterer Stunde verlagerten wir die Feier aus dem Wohnzimmer auf eines der vielen Bar-Schiffe, die am Aura-Ufer vertäut liegen. Natürlich mit mehr qualitativ hochwertigem Gesang, der schon so einige Blicke vom Nachbartisch anzog! Könnt ihr euch das vorstellen, in der Dämmerung auf einem Schiffsdeck, am anderen Ufer stimmungsvoll beleuchtete Bauten und für dich performen ein paar bis dato Fremde Sibelius' Finlandia? Wahnsinn! Trotz großer Müdigkeit (ich kann einfach in meinem Alter keine Nächte mehr halb durchfeiern, ohne es deutlich zu spüren), ich war einfach glücklich. Spätestens in dem Moment wusste ich, dass es doch richtig war, den früheren Zug nach Turku zu nehmen und das erleben zu dürfen!
In dem Zusammenhang zum wiederholten Mal ein Hoch auf Couchsurfing! Wie viele positive Erlebnisse ich schon hatte, die ohne nie möglich gewesen wären! Was wäre ein alleiniger Stadtspaziergang und dann eine Hostelnacht schon dagegen gewesen außer natürlich schlafintensiver?

Aber bei aller Freude, kein Blick zurück sondern ein Blick nach vorn: Nach einem späten Frühstück bei Johanna geht’s auf in die Sporthalle.
Zugegeben, ich bin von der Nacht noch völlig geplättet und weiß nicht, wo ich irgendwelchen Schwung hernehmen sollte, ich benutze doch schon all meine Kraft! Während Satu beschäftigt ist, turne ich ein wenig alleine vor mich hin, erfreue mich am Platzangebot und verfluche meine Unfitness. Aber wenigstens zum Schluss, als Satu noch zwei Minuten Zeit hat, mir zu helfen, gelingt mir auf Anhieb eine schwierige Bahn, die ich seit letzten Sommer nicht mehr geturnt habe. Ha! Geht doch! :)

Ein ganz kleines Bisschen mulmig ist mir dann schon, als ich auf Natalie warte, ein Vereinsmitglied, das ich noch nicht von damals (als ich vor zwei Jahren schon mal dort war) kenne und wo ich die nächsten zwei Nächte verbringen werde. So eine Privatübernachtung fühlt sich irgendwie anders an als über Couchsurfing...
Warum habe ich mir eigentlich Sorgen gemacht? Sie ist super nett und hat obendrein ein tolles Haus! Also nicht einfach nur dahergesagt, sondern so, dass ich sagen würde, ja, ein solches, das würde ich mir selber auch kaufen! Angeblich eins der Rintamamieshäuser, also Häuser der Nachkriegszeit, die an Soldaten verteilt wurden. Allerdings habe ich entweder falsches über diese gehört oder bei Natalie wurde kräftig an- und umgebaut. Ein Riesengrundstück, ein rotes Holzhaus wie aus dem Bilderbuch mit richtig viel Platz darin – große Küche, offenes Ess- und Kaminzimmer, ein paar Stufen tiefer und um die Ecke das Wochenzimmer, unterm Dach die Schlafzimmer und im Keller die Sauna, alles sehr hell, mit viel, viel Holz und gemütlich eingerichtet. Wow, so lässt es sich leben!
Nun bin ich auch wieder komplett in Finnland angekommen, denn sie und ihre Freundin sprechen kein Wort englisch, ich dafür aber fleißig grammatikalisch unkorrektes und dennoch verständliches Finnisch (und natürlich für alle unbekannten Vokabeln noch zusätzlich mit Händen und Füßen)! Obendrein haben sie dort neben zwei Katzen den wahrscheinlich weichsten Hund der Welt! :) (Riko, den Japanspitz).
Ein schöner Abend – eventuell gar noch besser als der vorherige?

Montag, Sporttag: Ganze acht Stunden verbringen wir in der Halle (na gut, mindestens eine geht für unser Mittagspicknick drauf). Die beiden freuen sich, endlich mal wieder Trainingseinflüsse „von außen“ zu bekommen – als einziger Verein in einem ganzen Land hat man es in der Hinsicht nicht leicht! Wir üben viele für sie ganz neue Sachen. Ich freue mich, dass ich heute etwas mehr Kraft als gestern habe, die blauen Flecke von gestern noch schaffe zu ignorieren und mich tatsächlich ein paar Mal durch meine frühere Kür gequält kriege. Das beweist mir zwar leider, wie schlecht es um meine Fitness steht, aber auch, dass noch nicht alles verloren ist!
Insgesamt ein super Tag, an dem ich richtig fühlen kann, was ich getan habe. Türen zu öffnen fällt mir bereits schwer! Aber auch wenn das mit dem Verstand schwer zu fassen ist, als ich völlig k.o. auf der Terrasse in der Sitzhängematte zusammenbreche und mich frage, ob man sich wohl mit achtzig jeden Tag so fühlt, bin ich wieder unglaublich glücklich. Es gibt Essen vom Grill und anschließend eine Sauna für die armen Muskeln und ein weiches Bett...

Heute Morgen folgt dann doch noch ein wenig Kultur – das Freilichtmuseum Luostarinmäki, ein altes Handwerksviertel Turkus, das im 19. Jahrhundert wie durch ein Wunder vom großen Feuer verschont bliebt. Es ist, als würde ich mich auf Zeitreise begeben. All die kleinen Wohnstuben und alten Handwerksgeräte... 
Überall riecht es nach Flieder, der hier schon in voller Blüte steht. Und nach Terva, weil gerade die Leitern und Regenrinnen frisch gestrichen werden. 
In einigen Häusern arbeiten Leute in traditioneller Kleidung an Tonkrügen oder Tischdecken und ein paar erzählen mehr von diesem Viertel und dem Leben in alten Zeiten. Was mich besonders beeindruckt: Seit 1940 ist das Viertel bereits ein Museum, doch bis 1982 haben noch Leute darin gewohnt, die sogenannten Museumsnachbarn. Kinder sind dort noch aufgewachsen, während die Eltern selber im Museum arbeiteten. Muss sehr spannend gewesen sein!

Es ist gerade noch Zeit für einen Abstecher in den Dom, bevor wir uns, juchuu, zum dritten Mal in der Halle treffen. Auch wenn ich, offen gestanden, bei all den zusätzlichen blauen Flecken und dem hinzugekommenen Muskelkater noch nicht weiß, ob ich viel davon haben werde...
Nun, ich habe Neues ausprobiert, wo ich die alten Muskeln/ geschundenen Stellen nicht so sehr brauchte und mich gefreut, dass bei den beiden anderen die neuen Übungen bereits besser klappten. Nun ist die Motivation (auf beiden Seiten!) wieder sehr groß. Wer weiß, vielleicht schaffen wir ja schon im Herbst ein kleines Rhönradcamp in Oulu. Wir bleiben dran! :)

Ich schaue jetzt noch ein bisschen aus dem Fenster und genieße die Felder und den Wald. Und den Wald natürlich... nur noch fünfeinhalb Stunden, dann bin ich wieder in Oulu...


[Update Mittwoch, 17.6.: Für die schnellen Leser unter euch – ja, ich habe den Artikel ergänzt. Ein paar wenige Fotos habe ich ja doch gemacht und eigentlich probierte ich auch bereits gestern, den vollständigen Artikel online zu stellen, aber dann ging irgendwas mit dem Zug-wlan plötzlich nicht mehr. Oder vielleicht lag das Problem auch zwischen Sitz und Tastatur, da kann man sich ja nie ganz sicher sein...]

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