Denn zu dem Zeitpunkt ging ich ja noch
davon aus, dass Sommer (fast) alles wäre, was mein langes Wochenende
zu bieten hat. Der Grund, warum ich mir ursprünglich die Zugtickets
kaufte, war ein Rhönrad-Trainingscamp - juchuu, üben mit genug
Platz und Trainer! - aber nachdem ich die Tickets schon hatte,
erfuhr ich, dass es abgesagt wurde. Große Enttäuschung! Und ich
hatte doch extra den früheren Zug hin und den späteren zurück
gewählt!
Mit ein bisschen oh-nein und
bitte-bitte legten wir aber fest, wenigstens am Montag zu dritt zu
trainieren. Und was macht man mit der übrigen Zeit? Vorsichtshalber
nahm ich eine lange Liste von Sehenswürdigkeiten mit, erstellt von
einem netten Kollegen. Doch irgendwie kam alles anders und ich kaum
noch zum Sightseeing...
Nun, der Reihe nach, wie mein
Wochenende immer besser wurde:
Samstag Morgen im Zug: Ich bekomme eine
SMS von Satu, dass wir auch am Sonntag Nachmittag in die Halle können
– sie betreut zwar eine Gruppe, aber ich könne
dazukommen. Jesss! :D
Samstag Abend: Ich steige in Turku aus
einem überhitzten Zug und merke, dass auch die Luft sonnig und warm
ist. Dazu nur wenig Wind und Abholservice einer netten Couchsurferin,
mit der ich alsbald auf die Wohnungseinweihungsparty ihrer Freunde
gehe.
Ab da denke ich, ich bin wirklich im
Ausland. Die sprechen so eine komische Sprache... Richtig, es sind
Finnland-Schweden. Alle, bis auf meine Couchsurferin Johanna und die
kann fließend schwedisch.
Kulturell habe ich eine Menge über
Finnland-Schweden dazugelernt (Verhalten von Finnen und Schweden auf
der Fähre u.ä.). Und auch sprachlich. Ich gehe davon aus, dass ich
genau die Worte verstanden habe, die dir, liebe Susi, als einzige
unbekannt geblieben wären – oder benutzen Schweden-Schweden auch
z.B. roskis oder kiva? ;)
Es war sehr nett, wie alle größte
Rücksicht auf mich, die Fremde, genommen haben und viel englisch
sprachen. (Immerhin ein guter Kompromiss, auch für sie war es
leichter als finnisch!)
Was mir von diesem Abend aber am
meisten im Gedächtnis bleiben wird, sind ihre Stimmen. Ein Großteil
der Gruppe singt zusammen in zwei Chören, die auch gemeinsam
auftreten und deswegen singt natürlich auch ein Großteil der Gruppe
auf einer Party, die gemeinsam gefeiert wird! Es war richtig
gut.
In dem Zusammenhang zum wiederholten
Mal ein Hoch auf Couchsurfing! Wie viele positive Erlebnisse ich
schon hatte, die ohne nie möglich gewesen wären! Was wäre ein
alleiniger Stadtspaziergang und dann eine Hostelnacht schon dagegen
gewesen außer natürlich schlafintensiver?
Aber bei aller Freude, kein Blick
zurück sondern ein Blick nach vorn: Nach einem späten Frühstück
bei Johanna geht’s auf in die Sporthalle.
Zugegeben, ich bin von der Nacht noch
völlig geplättet und weiß nicht, wo ich irgendwelchen Schwung
hernehmen sollte, ich benutze doch schon all meine Kraft! Während
Satu beschäftigt ist, turne ich ein wenig alleine vor mich hin,
erfreue mich am Platzangebot und verfluche meine Unfitness. Aber
wenigstens zum Schluss, als Satu noch zwei Minuten Zeit hat, mir zu
helfen, gelingt mir auf Anhieb eine schwierige Bahn, die ich seit
letzten Sommer nicht mehr geturnt habe. Ha! Geht doch! :)
Ein ganz kleines Bisschen mulmig ist
mir dann schon, als ich auf Natalie warte, ein Vereinsmitglied, das
ich noch nicht von damals (als ich vor zwei Jahren schon mal dort
war) kenne und wo ich die nächsten zwei Nächte verbringen werde. So
eine Privatübernachtung fühlt sich irgendwie anders an als über
Couchsurfing...
Warum habe ich mir eigentlich Sorgen
gemacht? Sie ist super nett und hat obendrein ein tolles Haus! Also
nicht einfach nur dahergesagt, sondern so, dass ich sagen würde, ja,
ein solches, das würde ich mir selber auch kaufen! Angeblich eins
der Rintamamieshäuser, also Häuser der Nachkriegszeit, die an
Soldaten verteilt wurden. Allerdings habe ich entweder falsches über
diese gehört oder bei Natalie wurde kräftig an- und umgebaut. Ein
Riesengrundstück, ein rotes Holzhaus wie aus dem Bilderbuch mit
richtig viel Platz darin – große Küche, offenes Ess- und
Kaminzimmer, ein paar Stufen tiefer und um die Ecke das Wochenzimmer,
unterm Dach die Schlafzimmer und im Keller die Sauna, alles sehr
hell, mit viel, viel Holz und gemütlich eingerichtet. Wow, so lässt
es sich leben!
Nun bin ich auch wieder komplett in
Finnland angekommen, denn sie und ihre Freundin sprechen kein Wort
englisch, ich dafür aber fleißig grammatikalisch unkorrektes und
dennoch verständliches Finnisch (und natürlich für alle
unbekannten Vokabeln noch zusätzlich mit Händen und Füßen)!
Obendrein haben sie dort neben zwei Katzen den wahrscheinlich
weichsten Hund der Welt! :) (Riko, den Japanspitz).
Ein schöner Abend – eventuell gar
noch besser als der vorherige?
Montag, Sporttag: Ganze acht Stunden
verbringen wir in der Halle (na gut, mindestens eine geht für unser
Mittagspicknick drauf). Die beiden freuen sich, endlich mal wieder
Trainingseinflüsse „von außen“ zu bekommen – als einziger
Verein in einem ganzen Land hat man es in der Hinsicht nicht leicht!
Wir üben viele für sie ganz neue Sachen. Ich freue mich, dass ich
heute etwas mehr Kraft als gestern habe, die blauen Flecke von
gestern noch schaffe zu ignorieren und mich tatsächlich ein paar Mal
durch meine frühere Kür gequält kriege. Das beweist mir zwar
leider, wie schlecht es um meine Fitness steht, aber auch, dass noch
nicht alles verloren ist!
Insgesamt ein super Tag, an dem ich
richtig fühlen kann, was ich getan habe. Türen zu öffnen fällt
mir bereits schwer! Aber auch wenn das mit dem Verstand schwer zu
fassen ist, als ich völlig k.o. auf der Terrasse in der
Sitzhängematte zusammenbreche und mich frage, ob man sich wohl mit
achtzig jeden Tag so fühlt, bin ich wieder unglaublich glücklich.
Es gibt Essen vom Grill und anschließend eine Sauna für die armen
Muskeln und ein weiches Bett...
Überall riecht es nach Flieder, der hier schon
in voller Blüte steht. Und nach Terva, weil gerade die Leitern und
Regenrinnen frisch gestrichen werden.
Nun, ich habe Neues ausprobiert, wo ich
die alten Muskeln/ geschundenen Stellen nicht so sehr brauchte und
mich gefreut, dass bei den beiden anderen die neuen Übungen bereits
besser klappten. Nun ist die Motivation (auf beiden Seiten!) wieder
sehr groß. Wer weiß, vielleicht schaffen wir ja schon im Herbst ein
kleines Rhönradcamp in Oulu. Wir bleiben dran! :)
Ich schaue jetzt noch ein bisschen aus
dem Fenster und genieße die Felder und den Wald. Und den Wald
natürlich... nur noch fünfeinhalb Stunden, dann bin ich wieder in
Oulu...
[Update Mittwoch, 17.6.: Für die
schnellen Leser unter euch – ja, ich habe den Artikel ergänzt. Ein
paar wenige Fotos habe ich ja doch gemacht und eigentlich probierte
ich auch bereits gestern, den vollständigen
Artikel online zu stellen, aber dann ging irgendwas mit dem Zug-wlan
plötzlich nicht mehr. Oder vielleicht lag das Problem auch zwischen Sitz und Tastatur, da kann man sich ja nie ganz sicher sein...]
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