Es wird mal wieder Zeit für ein Update: Ja, ich lebe noch.
Also bis demnächst mal wieder!
Ok, ok, ich schreib ja noch ein bisschen. Hat sich ja einiges getan seit Norwegen. :)
Der Plan war, die landschaftlichen und kulturellen Höhepunkte meiner neuen Heimat (zumindest die im Süden befindlichen und damit irgendwie halbwegs mit dem ÖPNV zu erreichenden) zu erkunden.
Kleiner Hinweis am Rande: Wenn ihr mehr von Finnland sehen wollt, nehmt ein Auto mit! Abgesehen von den vielen total schönen Plätzen, die mir gerade leider entgehen, weil die nächste Bushaltestelle etliche Kilometer weit weg ist, habt ihr so auch immer euer Dach über dem Kopf dabei! Das ist selten nötig, kann aber die Nerven beruhigen...
Vielleicht hat es sich schon rumgesprochen, dass Finnland nicht gerade das günstigste aller Reiseländer ist? Also wollte ich mit meinen gerade mal zwei neuerworbenen Monatsgehältern lieber keinen "Luxus"urlaub machen, denn für Pensionen o.ä. zahlt man hier locker in nur 4-5 Tagen eine Monatsmiete. Von Stadthotels reden wir erst gar nicht! Also hab ich mich für eine andere Lösung entschieden, die einem ganz nebenbei noch eine Menge Kontakte und Einblicke in das Leben der hiesigen Bevölkerung beschert: Couchsurfing. In den allermeisten Fällen eine super Sache, die ich jedem sofort weiterempfehlen wuerde! Allerdings verlangt sie einem manchmal auch ein wenig Flexibilität ab...
Über zwei Wochen ist es schon her, dass ich mich mit dem Nachtzug auf den Weg nach Helsinki gemacht habe. Als ich aus dem Bahnhof trat, war es fast wie Nachhausekommen, nur ohne das zu-Hause-Gefühl. Immerhin hab ich vor 7 Jahren mal einen ganzen Monat dort verbracht. Warte - vor SIEBEN Jahren? Manchmal überrascht es mich, wo die Zeit geblieben ist. (Und das sage ich jetzt schon, in meinen jungen Jahren! ;) )
Helsinki hat sich nicht viel verändert und dann irgendwie doch ziemlich. Ich hatte den Eindruck, dass es heute fussgängerfreundlicher ist als damals. Leider sind aber gerade viele schöne Gebäude zwecks Renovierung eingerüstet oder geschlossen, was ich gerade bei der Markthalle und der Unibib sehr schade fand. Die hätte ich wirklich gerne noch einmal besucht. Später vielleicht.
Morgens ist die Stadt wie ausgestorben. Und ich rede nicht vom frühen Morgen, sondern von ca. 9 Uhr! Zwei einsame Stadtbedienstete bevölkern die Esplanade, ansonsten gähnende Leere! Dabei scheint doch die Sonne!
Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, anderthalb Stunden später wusste man kaum noch einen Fuss auf die Erde zu kriegen vor Touristen. Das Wetter war aber auch traumhaft. Um die 30 Grad. Warum noch mal betreibe ich Sightseeing, anstatt am Strand zu liegen?
Bis zum Nachmittag hatte ich alle Erinnerungen aufgefrischt, die mir wichtig waren, schob die nostalgischen Gedanken schliesslich beiseite und fuhr weiter ins eine halbe Stunde entfernte Kirkkonummi, wo mein Nachtlager sein sollte.
Sollte. Es gab ein kleines Missverständnis mit meinem Couchsurfer oder vielleicht war er auch einfach ein A... Sind komische Bauchgefühle im Vorhinein Warnzeichen oder selbsterfüllende Prophezeihungen? Vielleicht sollte ich froh sein, dass ich ihm "entronnen" bin?
Ich stand zwei Stunden am Bahnhof rum, schrieb ihm SMS und füllte seinen Anrufbeantworter, um seine Adresse zu erfahren - immerhin hatte er mir zugesagt, ich könnte trotz seiner Abwesenheit dort nächtigen und den Türcode hatte er mir sogar schon geschickt. Nur dass Kirkkonummi ein bisschen zu gross ist, um jede Tür durchzuprobieren...
Zwei Leute hatte ich schon angesprochen und einen davon bereits nach einer Notunterkunft gefragt, leider erfolglos. Gerade als ich entschieden hatte, dass eine Nacht in Helsinki besser ist als eine Nacht am Kaffbahnhof von Kirkkonummi, bekam ich eine SMS. Nicht mit der Adresse wie erhofft, aber mit der Nachricht, er wäre um 22 Uhr zurück. Nicht optimal, aber ein Lichtblick, also blieb ich. Wenig später korrigierte er auf 22.30. Bis 23 Uhr tat sich leider nichts und ein weiterer Anruf blieb erfolglos. Um Mitternacht, nach geschlagenen 6 Stunden am Bahnhof, war ich so urlaubsreif wie das gesamte Jahr über noch nicht und beschloss, auf trockenes Wetter zu hoffen und einfach im Wald zu schlafen - denn der letzte Zug nach Helsinki war natürlich inzwischen auch weg.
Aber das Leben hat mich ja gelehrt: Alles wird gut. Also gab ich dem Schicksal noch eine Chance, als ich die Fernstrasse passierte. Mit dem vagen Plan, nach Helsinki zurückzuwollen, hielt ich den Daumen raus. Und als ich gerade beschlossen hatte, wenn das nächste Auto nicht hält, doch im Wald zu schlafen - und schwupps, nächstes Auto vorbei - setzte eben dieses wieder zurück und die Insassen fragten mich, wo es denn hingehen soll.
Von da an konnte alles nur noch besser werden! Das Pärchen kannte einen See in der Nähe mit Umkleidekabinen, wo ich ein Dach über dem Kopf hätte. Ich konnte mein Glück kaum fassen! Bei Begutachtung dieser Schlafstätte schien SIE allerdings noch nicht überzeugt zu sein und überredete ihren Freund, mich mit nach Hause zu nehmen, so dass ich nicht nur eine echte Couch, sondern sogar noch eine Dusche und Internetzugang hatte! Alles wird gut! :)
So habe ich eine nette Bekanntschaft gemacht und nebenbei etwas über die Charaktere der Finnen erzählt bekommen: Oulu scheint ein wirklich weltoffenes Völkchen zu sein, im Süden dagegen sollte ich nicht damit rechnen, mit einem Fremden ins Gespräch zu kommen! Na, dann lebe ich ja offensichtlich in der richtigen Stadt! :)
Mein eigentlicher Couchsurfer hat sich bis zum nächsten Mittag nicht mehr gemeldet, aber mir dann frische Bettwäsche und ein Handtuch angeboten, um mich wieder herzulocken/ es gutzumachen. Gut, dass mich da schon Joni gerettet hatte...
Also, vorab, das war die schlimmste und einzige negative Erfahrung, die ich je mit Couchsurfing gemacht habe, das ist also nicht der Regelfall! Ab da lief alles bestens.
Die nächsten zwei Tage wohnte ich in Helsinki in einer Riesenwohnung mit superbequemem Bett und nur 10 min zu Fuss von der schönen Insel Seurasaari, wo man abends herrlich spazieren gehen, Vögel beobachten und den Sommer riechen kann.
Jonis Mann studiert Architektur, aber leider haben wir uns nicht getroffen, weil er gerade in der Nähe von Oulu zu Besuch ist...
Auf dem Weg nach Helsinki habe ich Hvitträsk besucht, idyllische Wohn- und Arbeitsstätte dreier berühmter Architekten. Von Helsinki aus habe ich auch einen Ausflug in die Holzhausstadt Porvoo gemacht und schliesslich am Montag Morgen noch schnell meine Freundin Heidi besucht, die ich 7 Jahre nicht gesehen hatte und die erst am Abend zuvor aus dem Urlaub zurückgekehrt war, nur um gleich am Montag Nachmittag ihre Eltern zu empfangen, die aus den USA eingeflogen kommen. So kam ich zu der Ehre, mich auch im Urlaub sportlich zu betätigen - mit Teppichklopfen! :D
Ich fand es aber sehr schön, dass sie mich trotz des Familienchaos empfangen hat und wir uns wenigstens kurz sehen konnten - inklusive ihrer inzwischen auf vier Kinder angewachsenen Familie.
Noch schöner fand ich, dass ich dann mal wieder Besuch bekam! Danke, liebe KC! :) Wir haben ein paar Tage irgendwo im Nichts, also genauer gesagt in Nauvo in den Schären vor Turku verbracht und dann noch Turku erbummelt, bevor sie viel zu schnell wieder nach Hause musste.
Meine Reise ging mit einer Kreuzfahrt weiter... ähh, Fährüberfahrt. Durch die abertausenden Schäreninseln bis Åland, dann ein bisschen offenes Meer und wieder tausende von Inseln und schon ist man nur 11 Stunden später in Stockholm - eine meiner liebsten Grossstädte überhaupt (wenn ich es mir recht überlege, mag ich ausser Berlin und Stockholm Grossstädte wirklich nicht sonderlich)!
Dort hatte ich eine Couchsurfingerfahrung wieder ganz anderer Art - Ali konnte reden wie ein Wasserfall und hat mich ganz nebenbei ziemlich neugierig auf die prachtvollen Bauwerke im Iran gemacht und mir ausserdem persisches Essen gekocht, abgesehen davon hat er wehe Füsse in Kauf genommen und mich einen Tag lang durch die Stadt begleitet und mir sogar Ecken gezeigt, die ich noch nicht kannte. Ich kann jetzt mit voller Überzeugung behaupten, dass die Stadt im Sommer NOCH schöner als im verregneten Februar ist und wirklich mindestens eine, eher mehrere Reisen wert!
Ein paar Tage später, zurück in Turku, kam dann endlich der seit Monaten herbeigesehnte Tag: Endlich wieder Rhönrad!
Die Trainerin hat mich bei sich aufgenommen und mit dem schönen Sonnenschein im Reihenhäuschen und ihren zwei Kindern fühlte ich mich plötzlich in alte Sommerferienzeiten zurückversetzt. Ausgerechnet vorm Training waren wir auf dem Aurajoki paddeln - fast drei statt der geplanten einen Stunde. Wer ahnt auch, dass flussabwärts paddeln so viel anstrengender als flussaufwärts sein kann? Ich war jedenfalls schon geplättet, bevor wir in der Halle ankamen. Und doch war es toll, endlich wieder zu turnen! Durch Erschöpfung und Trainingspause musste ich zwar Abstriche beim Ergebnis machen, aber das hat nichts am Spass geändert! Wenn ich den Verein nur nach Oulu importieren könnte - neben dem Sport an sich auch noch soo viele nette Leute!
Irgendwie wäre ich gerne noch geblieben, aber ich wollte ja noch so viel sehen... Als nächstes Rauma, um mal wieder eine Welterbestätte einzusammeln ;). Und wieder einen anderen Typ Mensch kennen gelernt - der Peru-Kanadier, bei dem ich wohnte, hat bereits in fünf verschiedenen Ländern gelebt und spricht sechs Sprachen. Faszinierend! Er hat mir den Strand gezeigt und mich zu einem Musikquiz in ein Café mitgenommen, wo wir zwar -mit Minuspunkten- den letzten Platz belegten, aber dafür herrlichen (und für Finnland echt günstigen!) Tiramisu bekamen. Leider hab ich mir vorher nicht überlegt, wie anstrengend es sein kann, mit jemandem einige Stunden zu verbringen, der um jeden Preis Spass haben und Spontaneität will - aber ganz spontan *ähem* hab ich mich dann noch zum Karaokesingen hinreissen lassen. Dort kennt mich ja keiner und schliesslich wollten wir Spass und so hatten wir den ;)
Inzwischen bin ich einmal quer durch's Land gedüst und in Savonlinna angekommen. Die hiesigen Highlights: Eine Burg aus dem 15. Jahrhundert und ein paar Dörfer weiter die grösste Holzkirche der Welt.
Ausserdem ein ganz anderer Schlag Mensch. Ich wohne in einer ziemlich einfachen, wortkargen aber netten Familie - der erste Weg vom Bahnhof führte uns nicht nach Hause, sondern in den Baumarkt. :) Gut, dass ich ein wenig Finnisch spreche, denn es gibt tatsächlich noch Leute in meinem Alter, die es irgendwie ohne Englisch durch die Schule geschafft haben. Also wenigstens Markkus Frau Päivi spricht schon Englisch, aber sie gibt sich auch viel Mühe, langsam Finnisch zu reden, damit ich üben kann und so langsam werden wir auch warm miteinander. Der kleine Sohn redet aber wie der Ehemann nur Finnisch in unvermindertem Tempo mit mir, was eine ziemliche Herausforderung darstellt. Dagegen entspannt es dann wieder, nach Jahren Abstinenz mal wieder mit Lego zu spielen! :D
Richtig spannend ist allerdings die Gegend: Päivi hat mir ein Foto gezeigt, das sie aus dem Küchenfenster gemacht hat: Ein junger Braunbär in ihrem Garten! Ich würde sooo gerne einen dieser niedlichen Kerle sehen, allerdings vielleicht doch lieber nicht von Angesicht zu Angesicht...
So, ein paar Tage bleibe ich wohl noch, bevor es wieder zurück nach Oulu geht. Ab jetzt versuche ich, das Sightseeing an den Nagel zu hängen und den Naturgenuss in einer der grössten Seenplatten Europas in den Vordergrund zu stellen. Fotos von den Highlights reiche ich nach, wenn ich wieder zu Hause bin.
Allen, die bis jetzt trotz des langen Textes ohne Bilder bei mir geblieben sind, herzlichen Dank für eure Geduld! Erzählt mir doch mal wieder, wie es bei euch so läuft, ich freu mich über jede einzelne Mail!
1 Kommentar:
Ich kann mir gar nicht vorstellen, dasds Stockholm im Sommer noch schöner sein sollte als im nasskalten Winter. ;)
Danke für deine Karte und für dein Lebenszeichen! ♥
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