Dienstag, 11. Mai 2021

Sommer ist, was in deinem Kopf passiert

Damit haben die Wise Guys es auf den Punkt gebracht. Musikgeschmack hin oder her, sie haben einfach so Recht. 
- Woher ich das weiß? 
Weil in meinem Kopf gerade Sommer passiert! :D
 
Am Anfang stand eine Idee. Daraus wurde eine Entscheidung, die zwar in einigen Aspekten erst mal schwer, andererseits aber doch ganz leicht war: Ich geh für den Sommer nach Finnland zurück.
"Den" Sommer. 
....Oder den Nicht-Winter?

Sommer ist, was in deinem Kopf passiert: Nach Wochen des bangen Abwartens, ob mir Corona noch irgendwelche zusätzlichen Scherereien verursacht oder vielleicht sogar in letzter Minute einen Strich durch die Rechnung macht, ist es Mitte April, ich habe den negativen Test in der Tasche, es gibt keine Einschränkungen des eigenen Bewegungsradius und die finnischen Grenzübertrittsregeln sind auch nicht noch weiter verschärft worden (reicht ja, dass inzwischen berufliche Reisen bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls verboten sind und man nur noch mit Wohnsitz oder Familie reinkommt - immerhin noch ohne finnischen Pass!).
Und dann einfach nicht darüber nachdenken, wo man die nächsten gut fünf Monate NICHT ist, sondern Blick nach vorne, dahin, wo man die nächsten gut fünf Monate IST!
Sommer im Kopf - das macht positive Ausstrahlung, und wie man in die Welt hineinstrahlt, so strahlt es auch wieder heraus (oder wie war das noch mal mit dem Wald? ;) )! Was ich sagen will: Selten ist eine Anreise so glatt verlaufen. So ganz ohne dumme Fragen, Leute die einem beim Check-in oder an der Grenze quer kommen wollen, Verpätungen (nicht mal die Bahn!)... Und eh ich mich's versah, stand ich im Inlandsterminal Helsinki. Für den Sommer in Finnland.
 
So viel Sommer im Kopf sorgte für eine harte Kollision mit der Realität beim Blick aus dem Flugzeugfenster: Die Seen sind noch zugefroren!? Es liegt teilweise noch Schnee?! ...Sommer...??
 

 
Aber Hey, sieht doch hübsch aus, oder? :D 
(Und zugegeben, ich wusste ja, was Mitte April heißt - Winter passte nur nicht zum Gefühl!)

Irgendwie war es am Anfang schwer zu fassen, dass ich nun wirklich zurück bin. Zu Hause bin, ohne zu Hause zu sein... (Es ist aber auch kompliziert mit diesen vielen Zuhauses!)
 
Die ersten Tage konnte ich den traumhaften blauen Himmel und den Sonnenschein nur vom Balkon aus genießen. Bis ich 72 Stunden im Land war und zum Coronatest durfte, um mich aus der Quarantäne zu befreien - und auf dem Weg wartete das pure Leben auf mich! 
Nur ein Fahrradausflug von 6 km zum Testzentrum und zurück, aber WOW! Wann habe ich das letzte Mal sooo viele Menschen auf einmal gesehen? Letzten Sommer? Bevölkerte Fuß- und Radwege, das Marktplatzufer voll mit Menschen (hier dürfen sich bis zu 10 Personen treffen, und das wurde anscheinend auch fleißig genutzt), sogar die Caféterrassen sind gut besetzt, es spielt Musik und auch bei Temperaturen von nur knapp über null wärmt die Sonne wunderbar. Ein Samstag in Oulu... Ich wusste es doch, es ist Sommer! Auch, wenn die Bäume keine Blätter tragen und die ersten Krokusse erst gerade die Köpfe aus der Erde stecken. :)

Ja, auch wenn am Strand noch Schnee lag. (Das Meer ist mittlerweile übrigens aufgetaut und glitzert fröhlich vor sich hin.)

Auf der Dachterrasse unserer neuen Büroräumlichkeiten kann man herrlich in der Sonne sitzen und wenn kein Wind geht, ist es dort auch bei +2°C in der Sonne so schön muckelig warm, dass man keine Jacke braucht. Und an dem Tag mit 15°C war es dort im schwarzen Pulli sogar beinahe ZU heiß. Sommerlich heiß.
 
Apropos Büro: Man kann sich auch an Kleinigkeiten erfreuen, wie z.B. dem elektrisch höhenverstellbaren Schreibtisch oder der Tatsache, dass zwischen mir und dem Server keine rund 2000 km + VPN mehr liegen... ;)
Aber wenn schon Büro, dann auch das Rundumpaket! Kein Sommerfest, keine Weihnachtsfeier - aber jetzt, endlich sind die Inzidenzen wieder niedrig genug, eine In-den-Mai-Feier!

Ich muss ja zugeben, ein bisschen riskant fühlt es sich trotzdem an. Deswegen trage ich, "vorgeschädigt" wie man als Deutsche so ist, weiterhin Maulkorb, auch wenn das hier jedem selbst überlassen ist. Nicht aus Angst, sondern einfach, weil ich meinen Teil dazu beitragen will, dass uns hier die relative Freiheit erhalten bleibt - und mir insgeheim wünschen würde, dass meine Mitmenschen es genauso handhaben. Ja, die Inzidenzen SIND deutlich niedriger als fast überall sonst in Europa. Aber mir scheint auch, viele wiegen sich in falscher Sicherheit und setzen entdeckte Neuinfektionen mit tatsächlichen Neuinfektionen gleich. Und auch wenn sich in Geschäften das Masketragen inzwischen besser durchgesetzt hat als noch letztes Jahr, anscheinend halten es viele immer noch für ausreichend, sich nur die Hände zu desinfizieren...
Na ja, jeder hat hierzu seine eigene Meinung und muss mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren können, was er für sich und alle anderen tut oder lässt. Das soll jedenfalls nicht das Hauptthema dieses Blogeintrags werden.

Aber wie könnte man es ganz unerwähnt lassen, dass ich in den vergangenen paar Wochen schon mehr Freunde live getroffen habe als in dem ganzen Jahr zuvor in Deutschland? Dass ich im Café war, oder genauer gesagt schon zweien? (Na gut, vorm Café auf der Terrasse, drinnen muss auch hier noch nicht sein.) Dass ich wieder klettern war? (Masken- und Abstandspflicht in der Kletterhalle, immerhin!) Dass ich sogar am langen Wochenende einen echten Kurzurlaub einlege und nach Lappland ins Mökki fahre? Dass es sich anfühlt, als hätte ich endlich mein Leben zurück?

Die Grenze zwischen "meine Freude ausleben" und "angeben" ist hier vermutlich sehr dünn. Ich hoffe, dass ihr euch trotzdem ein bisschen mit mir freuen könnt, auch wenn ihr vermutlich neidisch seid.

"Sommer" am Koivuranta (Birkenufer) - in einer Woche sieht es hier vielleicht schon wirklich nach Sommer aus! 
...Aber auch ohne Blätter an den Bäumen: Wenn man hier auf dem Saunafloß sitzt und die Mitgäste abwechselnd in den heißen Pool und den kalten Fluss steigen sieht, passiert im Kopf schon wieder Sommer. Sommer überall, und das bei knapp überm Gefrierpunkt!

Dann sind da noch diese anderen Kleinigkeiten - einfach jeden Tag an der frischen Luft zu sein, und wenn es nur ein paar Kilometer mit dem Fahrrad sind. Könnte ich auch in Deutschland sein, war ich aber irgendwie nicht. 
Dass überhaupt so viel die Sonne scheint. Dass es auch nachts nicht mehr ganz dunkel wird. Dass man hier so viele Vögel und Eichhörchen beobachten kann...

 
 


Und dass es sogar im Supermarkt manchmal was zu Lachen gibt: Grillwürstchen nach deutscher Art :D

Dann wollen wir mal sehen, wie sich ein Wochenende im tief verschneiten Lappland bei 20°C macht. Sonnig von oben, nass von unten würde ich vermuten... ;)

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