Donnerstag, 30. Juni 2016

Karhunkierros

Zu Deutsch: Bärenrunde.

Aber warum heißt sie eigentlich so, habe ich mich oft gefragt. Ist sie doch alles andere als ein Rundweg, sondern ein langer Wanderweg quer durch den Oulanka-Nationalpark und darüber hinaus, zwischen den Orten Hautajärvi und Ruka. Und so viele Wanderer, wie dort jedes Jahr angeblich unterwegs sind, traut sich doch längst kein Bär mehr hin!

Jetzt habe ich was gelernt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in der Gegend mal eine ringförmige Straße, die verschiedene Ortschaften verband. Wenn man diese Runde einmal absolviert hatte, konnte man von sich behaupten, mindestens einen Bären eingekreist zu haben!

Ich mag diese Geschichte. Und auch ganz ohne eine Chance, einen der äußerst niedlichen (aber natürlich auch nicht ungefährlichen) Kameraden zu treffen, zog es mich schon lange dorthin. Genaugenommen wollte ich den Weg schon seit meiner Schneeschuhwanderung dort endlich einmal erstens im Sommer und zweitens im Ganzen sehen!

Was für ein Glück, dass ich meine älteste Freundin (im Sinne von Langzeit, nicht von Alter!) für das Projekt begeistern konnte! Sie kam mich für eine Woche besuchen und nach zwei Tagen in Oulu ging es für uns mit dem Bus zum nördlichen Ausgangspunkt, von wo aus wir in weniger als 73 Stunden die 82 km bewältigen wollten. Ein sportliches Ziel, aber unsere Zeit war nun mal begrenzt und außerdem wissen wir ja was von Zähnezusammenbeißen! ;) (Vorab gesagt, trotz aller Strapazen war es wunderschön und wir haben die Anstrengung auch schon wieder halb vergessen und die Eindrücke und Naturschönheiten bleiben im Gedächtnis!)

Guter Dinge und voller Vorfreude: Am Startpunkt in Hautajärvi

Was man so alles im Wald findet...

Wildnis pur, aber trotzdem immer gut markiert mit Farbe an den Bäumen und ausreichend Wegweisern

Und so geht es durch Flusslandschaften...

...oder durch den Sumpf (auf Holzstegen)...

...und natürlich auch ganz viel durch Wald. Wenn Finnland etwas hat, dann Wälder! Ich behaupte sogar, ganz Finnland ist ein einziger Wald mit nur ein paar gerodeten Stellen für Siedlungen und den paar Flecken, wo Seen sind oder Felder angelegt wurden.

Nach den ersten 15 km wäre uns eigentlich danach, schon in dieser Hütte zu bleiben. Bedingt durch den Busfahrplan ist es spät genug und die Füße hätten auch nichts gegen eine ausführliche Pause... Man schleppt nicht jeden Tag Küche und Schlafzimmer mit sich herum!

Aber die Aussicht auf die nächste Tagesetappe spornt noch mal an - es klingt so viel besser, "nur" 6 km mehr als am Vortag zu laufen, anstatt fast das Doppelte. Also geht es heute noch weiter bis zur Hütte Nummer zwei.


Die Wahl hat sich gelohnt. Wir wohnen direkt an den Stromschnellen von Taivalköngäs. Ich zitiere Katja: "So eine schöne Aussicht habe ich beim Zähneputzen noch nie gehabt!" :D

Wir haben Glück, nur ein anderer Wanderer schläft schon in der Hütte und weitere kommen um die Uhrzeit auch nicht mehr. Überhaupt hatte ich mir ja etwas Sorgen gemacht, dass der Weg überlaufen sein könnte - bei den Besucherzahlen, die man so liest, und fast alle davon in den drei Sommermonaten! Zur Sicherheit hatten wir also ebenfalls ein Zelt im Gepäck. Doch insgesamt war es nicht halb so schlimm wie befüchtet. Beim Laufen sind wir (abgesehen von auf bei Tagesausflüglern sehr beliebten kleinen Teilstücken) kaum einer Menschenseele begegnet und auch wenn die anderen Hütten nicht ganz so leer waren wie diese, fanden wir doch immer noch ein Plätzchen...

Auch wenn etwas mehr Schlaf sicher nicht geschadet hätte (die erste Nacht ist ja sowieso erst mal zum Drangewöhnen - und Ohrenstöpsel hätten vielleicht auch geholfen...), am nächsten Tag geht es auf zur zweiten Etappe:

Über weitere Wildwasserbäche, durch noch mehr Wald...

...und schließlich eine Rast mit wunderschönem Flussblick. "Lapland Air Force" hat hier auf der leicht windigen Anhöhe gerade keine Starterlaubnis bekommen, endlich einmal die Aussicht ohne Moskitonetz genießen! :)

In der heutigen Tagesetappe kommen wir noch einmal an der Zivilisation vorbei. Huh, Menschen! Und meine Lieblingswegweiser...

Kurz dahinter: mehr tolle Flusslandschaft...

...und die Stromschnellen von Kiutaköngäs...
...die Rhöni natürlich auch angeschaut hat!
Tosendes Wasser und herrlicher Sonnenschein - die langen Ärmel tragen wir NICHT gegen die Kälte! Genaugenommen gehen wir fast ein vor Hitze, aber wir haben auch so schon genug Mückenstiche, es müssen ja nicht noch mehr werden...

Mal direkt am Fluss und dann wieder hoch darüber - nein, Finnland ist längst nicht überall so platt wie in Oulu!

Und weil Juhannusaatto - Mittsommerabend - ist, freute ich mich besonders über Blumenwiesen wie diese hier. Einem alten Brauch zufolge soll, wenn man an diesem Datum neun verschiedene Blumen von neun verschiedenen Feldern pflückt... Na ja, ich erklär mal nicht weiter, denn pflücken durften wir im Nationalpark ja nicht. Hab es mit Fotografieren versucht, aber meine Kamera war im Vergleich zu ein paar Blümchen zu unbequem unterm nicht wirklich vorhandenen Kopfkissen und danebengelegt hatte sie dann doch nicht den gewünschten, laut Legende versprochenen Effekt... ;) Aber schön waren die Blumen trotzdem!

Noch mehr schöne Flussblicke - auch wenn die Beine schon wieder genug für heute haben, ich genieße diese Landschaft!

Bergfest! Der Kilometerbär macht Mut - auch wenn es heute mächtig über kopfgroße Steine und Wurzeln über Wurzeln geht. Eigentlich reicht's mir schon längst, die Füße dauernd derart hochheben zu müssen, aber wir haben ja keine Wahl...

Eeeendlich! Nach 25 km Tagesetappe an der Jussinkämppä angekommen. Gleich mal darußen angefangen, Abendessen zu kochen und dabei von einem heftigen Gewitterschauer überrascht worden. Alles flüchtet sich unter's Vordach, wir bleiben brav mit Minischirm bei unserem Gaskocher und müssen uns von den anderen dabei fotografieren lassen, wie es uns von hinten in die Schuhe läuft... hätten wir doch wenigstens mal nach dem Foto gefragt, es würde sich hier sicher gut machen! Danach war die Welt aber wieder frisch gewaschen und freundlich.

Am See vor der Jussinkämppä. Vor etwas mehr als zwei Jahren stand ich noch drauf...


Heute geht es mal direkt am Wasser entlang. Und auch einen der steilsten Berge der Tour hoch und wieder runter. Als wir endlich auf dem Teilstück des "Pieni Karhunkierros", der kleinen Bärenrunde (eine wirkliche Runde für eine Tageswanderung) ankommen, können wir unser Glück kaum fassen. "Rennstrecke". Gepflegte Wege ohne großartige Hindernisse. Tut richtig gut. Und können wir auch gut gebrauchen, denn wir wollen es noch vor dem angekündigten Regen zum (Nach)Mittagessen bis zur nächsten Hütte schaffen.

Geschafft, Plan ist aufgegangen! Wir lassen es uns unterm Vordach schmecken und genießen die Aussicht,

während andere Menschen anderen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, die im strömenden Regen sicher nur halb so lustig sind. Aber nass würden sie ja wahrscheinlich eh... :D Wir jedenfalls machen uns erst wieder auf die Socken, als das Schlimmste vorbei ist.

Wenn schon keine Bären, dann doch wenigstens Vögel, Frösche, Käfer und natürlich Rentiere!

Und das ist unsere letzte Unterkunft. Eine kleine, gemütliche Hütte direkt über dem Fluss, wo es einen schön in den Schlaf plätschert (dank Ohrstöpseln aber nur gaaanz leise). Die schönste von allen, unserer Meinung nach. Und wir teilen sie uns wieder nur mit Mikko aus unserer ersten Hütte. Das ist auch gut, denn wir sind doch noch in einen Regenguss gekommen und brauchen eine Menge Wäscheleinen...

Der letzte Tag hat es in sich. Man sagt, die Macher des Wanderwegs haben ihn extra so gelegt, dass man ihn zum Schluss noch mal so richtig in allen Muskeln spürt. Das glauben wir gerne! Gut, dass zumindest bei mir schon ein kleiner Trainingseffekt eingesetzt hat (oder ich einfach ausgeschlafener war), so dass die Kraft auch noch für heute gereicht hat. Der Rucksack ist ja inzwischen auch schon etwas leichter, nachdem das Meiste aufgegessen ist... Die Ausblicke entschädigen auf jeden Fall für die Anstregung! Und zur Belohnung halten die Mücken sich heute auch schwer zurück.


Aber da hinten in die Bildmitte müssen wir noch. Und ja, über jeden einzelnen der dazwischen liegenden Hügel. Ja, auch den steilen Knubbel da links.

bergauf
und treppauf...


Doch zum Glück sind wir heute früh aufgestanden und können uns noch eine Mittagspause an einem "Bergsee" gönnen. Einfach schöööön!

Fotostop am nächsten Gipfel:
Die Weite Lapplands.


Aber runter müssen wir auch wieder. Und da hinten wieder rauf!

Wanderhütte auf dem (vor?)vorletzten Gipfel


Jippie! Am Ziel! Geschafft! Aber wie, das war es schon, ist es wirklich schon vorbei?
Ja, leider, das war's wirklich. K.o. aber glücklich holen wir uns in Ruka erst mal ein Sandwich und empfinden die weichen Taxisitze auf dem Weg zurück zum Busbahnhof Kuusamo als geradezu unverschämt luxuriös.
Es war ein tolles langes Wochenende, auch ganz ohne traditionelles Juhannusfeuer, Fahnenhissen oder Grillen. Und wieder ist ein Punkt von meiner ToDo-Liste erlebt. Wahrscheinlich werde ich diesen Weg nicht noch einmal wandern, selbst wenn es wunderschön war. Oder höchstens noch mal zu einer ganz anderen Jahreszeit, z.B. zur Herbstfärbung. Dann auch bestimmt mit einem Tag mehr Zeit. Aber wir werden sehen... Das nächste Abenteuer wartet ja schon!

Liebe Katja, auch dir noch einmal vielen Dank, dass du mitgekommen bist, es hat superviel Spaß gemacht, auch gerade weil DU dabei warst!

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