Nur beim Zeichnen der Fassaden muss die ausländische Architektin ein paar Mal darauf hingewiesen werden, dass sie doch bitte auch die Leitern einzeichnen soll. Na ja, inzwischen tut sie es.
Und weil fast jeder Rad fährt, hat auch jedes Haus einen ziemlich großen Outdoorgerätelagerraum (Ulkoiluvälinevarasto). Wenigstens darf der Bunker hierfür mitgenutzt werden.
Ja, der Bunker. Welche Länder waren es noch, Albanien, die Schweiz und Finnland? Die einzigen, die auch in jedem Neubau (hier über 1200 m² - das ist gar nicht mal soo viel, denn, ich sagte es bereits, der praktische Finne steht auf Wohnblocks) einen Bunker vorsehen müssen. Also Leute, macht euch keine Sorgen um mich, ich bin hier sicher!
Oder bin ich? Wir hatten neulich im Büro diese amüsante Diskussion über Sinn oder Unsinn des Bunkers. Haben die doch vor einiger Zeit im Gesetz die Wandstärke um 10 cm reduziert. Ich kenne mich ja jetzt nicht so aus, aber man sagt, dass die jetzigen 30 cm im Gegensatz zu den früheren 40 nicht mehr wirklich in der Lage sind, die gefährlichen Gammastrahlen abzuwehren. Und so werden wir wohl in meinem Neubau im Falle eines Falles ganz umsonst an der handbetriebenen Lüftungsanlage kurbeln, denn über kurz oder lang kriegen uns die Strahlen ja doch durch die Wand. Wenn sie uns nicht schon vorher gekriegt haben, während die Mitbewohner noch dabei waren, ihre Lagerräume zu entrümpeln, so dass wir auch alle da unten reinpassen. Wenn man so sieht, was Leute so lagern – das kann dauern!
Manch einer wird sich etwas sicherer fühlen, wenn der Bunker nicht im Erdgeschoss, sondern im Keller ist (so wie hier!). Allerdings auch nie tiefer als 1,50 m unter der Erde. Das Gerücht besagt, dass Finnland ein Grundwasserproblem hat. 1,50 m also, damit wir im Falle eines Falles, wenn der Bunker undicht ist, maximal bis zum Hals im kalten Wasser stehen. Na ja, ein halbes Jahr lang befindet sich hier ja eh jedes Wasser in seinem festen Aggregatzustand, mache mir zumindest darum also nicht die größten Sorgen. Und ich denke mal, wenn wir den Bunker nicht für den Atomunfall brauchen, sondern für eine Invasion aus dem Nachbarland, dann sind wir tatsächlich weit genug von der Grenze entfernt, dass wir die Lager noch leer und das Dosenfutter gekauft kriegen, bevor die Gefahr hier angekommen ist.
(Und nein, ich würde nicht so über diese Gesetzesvorgabe witzeln, wenn es nicht alle meine Kollegen selber täten!)
Die vielen anderen Kleinigkeiten sind eher unspektakulär.
Dass hier mindestens jedes Haus eine Sauna hat (selbst viele Geschäftshäuser!), oft aber gar jede Wohnung, das ist euch ja sicher schon lange bewusst. Um die 5,4 Millionen Finnen, über 2 Millionen Saunas (andere Quellen sprechen gar von 3,3) im ganzen Land – also theoretisch können alle Finnen gleichzeitig saunieren.
Praktisch für den Planer sind solche Dinge wie die lichte Treppenbreite, die NICHT durch den Handlauf eingeschränkt wird und dass keiner bei einer 70 cm hohen Fensterbrüstung (außer in Hochhäusern) gleich Angst hat, die Leute würden aus dem Fenster fallen. Praktisch für den Mieter sind die mit der Wohnung gelieferten Gardinenschienen oder die Haken mit Steckdosen unter der Decke. Und ein Finne kommt gar nicht auf die Idee, eine Wohnung, selbst eine Eigentumswohnung, könnte ohne Einbauküche, Garderobe oder Schlafzimmerschrank daherkommen – stellt euch den verwirrten Blick vor, wenn ihr danach fragt! :)
Ein paar Abstriche in der Optik muss man machen. Alles muss billig gebaut werden. Offen liegende Heizungsrohre und Wasserleitungen gibt es zuhauf. Na ja, auch das ist mal wieder irgendwo praktisch, man findet undichte Stellen wenigstens sofort. Und auch mit den paar anderen Qualitätsmängeln kann man leben – ich bin wahrscheinlich aus Deutschland (oder nur meinem Umfeld?) einfach verwöhnt. Immerhin ist eine Wohnungstemperatur von um die 23 Grad im Mietpreis inbegriffen, was ziemlich komfortabel, wenn auch vielleicht nicht gerade allzu umweltfreundlich ist.
Vom beruflichen Standpunkt her habe ich hier auf jeden Fall den Eindruck, dass nicht unverhältnismäßig viel Energie in Minigestaltungspunkte gesteckt wird. Details werden von den Fachplanern gezeichnet und wir korrigieren einfach die Dinge, die furchtbar aussehen würden. Und Leute aus der Branche wissen ja eh, dass am Ende doch alles schnell gehen muss und Detailzeichnungen häufig genug nicht ernst genommen werden... ;)
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